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Lesbos
Fragwürdig: Ai Weiwei als ertrunkenes Kind

Lesbos. Wir alle kennen das Foto. Nur anders. Nämlich mit dem dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi, wie er tot am Strand von Lesbos liegt. Diesmal aber liegt da - in gleicher Haltung - ein massiger Mann. Und wer länger hinschaut, wird im menschlichen Strandgut Ai Weiwei erkennen, den verfolgten chinesischen Künstler. Von Lothar Schröder

Vor der Frage, was das eigentlich soll und ob das Foto für das Magazin "India Today" nun Kunst oder Kunstaktion, peinliche Selbstinszenierung oder schon Politik ist, steht die Reaktion der Betrachter, stehen unsere Gefühle. Auf Twitter nennen es manche "überwältigend" und "tief bewegend"; andere finden es beschämend und unwürdig. Bleibt zumindest eine erste Beobachtung, dass diese Performance (nennen wir sie einmal so) kaum jemanden unberührt lässt - und das auf denkbar einfachste Weise: Es reichen Strand, Meer und Körperhaltung, um uns das Geschehene wieder in Erinnerung zu rufen. Das Bild vom ertrunkenen Jungen ist eine Ikone geworden, das sich in unser Bewusstsein eingegraben hat und mit nur ein paar Hinweisen wieder hervorkommt. Ai Weiwei stilisiert sich natürlich nicht zum Opfer; aber er erinnert uns mit seinem Selbstbildnis an den Jungen, an die Flucht, die Tragik, die gegenwärtigen Probleme. Welche Diskussionen haben wir erregt darüber geführt, wie die Würde des jungen Opfer gewahrt werden könne, ohne das furchtbare Schicksal zu verschweigen! Ai Weiwei zeigt keinen Jungen, keinen Flüchtling. Er zeigt sich, und wir wissen sofort, was er meint.

Aber muss das inszeniert werden? Und zielt Ai Weiwei vielleicht nur auf Effekte; auf Kosten der Not anderer? Auf Effekte ist jeder Künstler aus. Wer nicht wirken will, sollte sein Werk im Keller hüten. Doch bleibt die Frage, ob dies wirklich Kunst ist. Denn in der Tat ist die Verwandlung der gegebenen Wirklichkeit äußerst gering. Der 58-Jährige bildet mit seiner Person das ab, was ist oder war. Die Realität ist Grundlage und Beleg seines Wirkens.

Was kritisch bleibt, ist die Frage nach der Integrität des Konzeptkünstlers. Und dazu gehört nicht nur, dass er in seiner Heimat verfolgt, verurteilt und unterdrückt wurde. Dazu gehört nämlich auch sein Werk, das er oft Opfern gewidmet hat, und sehr oft Kindern. Er hat unter Lebensgefahr die Namen von 5000 Kindern recherchiert und veröffentlicht, die beim Erdbeben von Sichuan in maroden Schulen ums Leben kamen; in München ließ er an einer Museumswand hunderte von bunten Schulranzen befestigen - in Erinnerung an diese Kinder. Und entlang der Emscher ließ Ai Weiwei 1000 individuell gestaltete Flüchtlingszelte aufstellen.

Seine Kunst ist immer Aktion, oft eine Antwort auf die Gegenwart. Das muss schnell geschehen und unmittelbar sein. Zeit zur Reflexion wäre eine Distanz zur Wirklichkeit. Sein Lieblingswort heißt "Handeln", hat er gesagt. Wie jetzt in Lesbos. Entstanden ist dabei ein Foto, das vielfach fragwürdig bleibt: Indem es den Künstler und die Kunst selbst befragt. Aber auch uns mit der Frage konfrontiert, ob wir vielleicht nicht manchmal das Leid der Flüchtlinge auf Abstand zu uns halten, indem wir es zur Ikone machen.

Quelle: RP
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