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Neues Buch des Bestseller-Autors: Frank Schätzings Kampf um den Mond

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 04.10.2009 - 15:18

(RP). Wahrscheinlich schreibt er gerade einen neuen Bestseller. Millionenauflage garantiert. Frank Schätzing sitzt vor seinem Notebook in einem In-Lokal am Kölner Rheinufer, locker in Jeans-Jacke mit Aufnähern; auf denen steht "I need love". Schon wieder ein neuer Roman? Nö. Er arbeitet bloß an der aufwendigen Präsentation seines jüngsten Thrillers. Einem Werbetrailer, mit dem "Limit" nach allen Regeln der Vertreterkunst dem Handel schmackhaft gemacht werden soll. Verstecktes Staunen, weil man nicht glauben will, dass das bei einem Autor nötig sein soll, dessen Bücher eine Gesamtauflage von 8,5 Millionen Exemplaren erreicht haben.

 Foto: ddp
Foto: ddp

Der Mann hat doch auf ewig ausgesorgt, denkt man sich – und denkt es selbst dann noch, als Schätzing längst erklärt hat, dass er "heute nur etwas weniger finanzielle Probleme" hat. Mehr nicht. Man dürfe das nicht überbewerten, sagt er, wie auch den Ruhm, der letztlich eine banale Sache sei. "Er führt dazu, dass man im Restaurant noch einen Tisch bekommt, wo man früher keinen Tisch bekam. Und das ist dann auch schon alles." Kleines Kunststück, so etwas ganz ohne Arroganz über die Lippen zu bringen.

Um Schätzing wird man sich jedenfalls keine Sorgen machen müssen, wohl aber um jene Welt, die er uns in "Limit" zeigt: Wir schreiben das Jahr 2025, und der Kampf um die Energiequellen ist voll entbrannt. Dabei sprudeln diese reichlich. Denn das sogenannte Helium 3 – üppig eingelagert im Staub des Mondes – könnte uns für ein paar hundert Jahre prima versorgen. Schöne heile und sorglose Verbraucherwelt!

Info
Frank Schätzing: "Limit". Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1328 Seiten, 26 Euro.

Man muss das Isotop nur abbauen und günstig zur Erde transportieren können. In "Limit" wird das zu einer Sache von Orley Enterprises, des größten Technologiekonzerns der Welt, um den Amerikaner wie Chinesen gleichermaßen buhlen. Denn Orley hat schon Roboter zum Abbau auf den Mond in Betrieb, ein riesiges Mondhotel gebaut, eine Basisstation und sogar einen Weltraumfahrstuhl im Einsatz.

Zugegeben: Das klingt jetzt etwas beknackt. Aber wer sich auf diese Geschichte einmal eingelassen hat und seine nicht unerhebliche Lesezeit über 1300 Seiten in ihr verbringt, wird irgendwann zwangsläufig für solche Sachen empfänglich. Und das ist Schätzings Kniff: Er hat wie ein Besessener recherchiert, wirft uns ein Detail nach dem anderen vor die Füße, und wer die einmal zu fressen beginnt, merkt erst spät, dass sie süchtig machen. Drei Seiten lang ist allein die Liste der Weltraumexperten, denen Schätzing am Ende des Buches dankt.

Das Cover des neuen Romans "Limit". Foto: KiWi

Der andere Trick: "Limit" ist ein Zukunftsroman in Reichweite. Denn 2025 ist ein Jahr, das wir noch auf unserer eigenen Zeitrechnung haben. Und wer liest, dass der 80-jährige David Bowie ein Konzert auf der Weltraumbasis OSS geben soll, dem hüpft das Herz vor lauter Rührung.

"Limit" ist toll recherchiert, aber nicht so toll geschrieben. Wenn eine Frau wunderschön ist, dann schreibt Schätzing, dass sie wunderschön ist. Ein Bild gewinnt man dadurch nicht von ihr. Dieser Thriller ist so plastisch wie ein Comic: Man riecht, schmeckt und hört fast nichts – und wird dennoch prächtig unterhalten. Denn eins kann Schätzing grandios: auf die Tube drücken. Die letzten 500 Seiten überschreiten jedes erzählerische Tempo-Limit; und schon davor war es keine Spazierfahrt.

Im Grunde liest sich "Limit" wie ein richtig guter James-Bond-Film mit einem hyperaktiven Daniel Craig in der Hauptrolle. Bei Schätzing heißt der Held Jerichow Owen und ist ein Privatdetektiv, der eher zufällig in die ganz große Sache reinschlittert. An seiner Seite findet sich die – wie gesagt: wunderschöne chinesische Dissidentin Yoyo, und einen ekelhaften Typ gibt es mit dem Killer Xin ebenfalls.

Die belauern und bekämpfen einander mal in Shanghai, mal in London und ganz besonders unfein im Berliner Pergamonmuseum. Im Kino würde man da wohl die Augen schließen; beim Lesen ist es dafür naturgemäß zu spät. Schonend gesagt: Die Zahl der Toten wächst beträchtlich und mit ihnen der nicht weniger traurige Verdacht, dass oben auf dem Mond eine kleine Atombombe hochgehen soll. Vermutlich im Mond-Hotel, in dem gerade eine illustre Schar von Prominenten logiert und den Helium-Abbau besichtigen darf.

So wechselt die Action von unten nach weit oben; und was sich auf dem guten alten Mond an Verfolgungsjagden abspielt, an üblen Hinrichtungen und panischen Überlebenskämpfen, verwandelt all das, was uns unten schockierte, fast zur homöopathischen Prosa. Die Tricks, mit denen Schätzing hantiert und uns bei Laune hält, sind altbewährt: Falsche Fährten werden gelegt, diverse Rätsel gestellt und Szenen immer wieder an den Stellen unterbrochen, an dem es – gelinde gesagt – heikel wird.

Das wahre Geheimnis dieses Romans mit Erfolgsaussicht (der Verlag meldet allein über 350 000 Vorbestellungen) ruht weder in Schätzings literarischen Künsten noch in den Zauberkräften des früheren "Creative Directors". Schätzing ist vielmehr einer der wenigen deutschen Autoren hierzulande, die dem Anspruch einer literarischen Postmoderne gerecht werden.

Eine ihrer Maximen lautet nach Leslie Fiedler (1917–2003): "Cross the Border, close the Gap!" – Überschreite die Grenze, schließe den Graben. Das war die Aufforderung an Autoren, die großen Themen der Menschheit doch verständlich und vor allem in populären Formen zu präsentieren. In Krimis, Western und Thrillern.

Aber wer macht das heute? Wer traut sich? Einer wie Frank Schätzing, der sich nicht als Schriftsteller begreift, sondern als Entertainer, und für den die divenhaften Gesten junger zorniger Intellektueller vor allem eins sind: "Bullshit."

"Limit" erzählt einen Mythos. Es ist der unserer Zukunft. Und in den Köpfen der Leser wird er zu einem Schlupfloch, durch das wir gebannt weit ins 21. Jahrhundert starren.

Quelle: RP

 
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