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Bauprojekt
Aus Neu mach Alt

Frankfurter Alstadt: Aus Neu mach Alt
Derzeit noch eine Computer-Animation: In diesem mittelalterlichen Glanz soll das Haus „Goldene Waage“ auf dem Römer schon bald erstrahlen. FOTO: DomRoemer GmbH
Frankfurt. 15 Rekonstruktionen mittelalterlicher Häuser sollen Frankfurts Altstadt wieder entstehen lassen. Ein bizarres, zugleich sehenswertes Bauprojekt. Von Lothar Schröder

Die Frage ist schlicht und einfach die: Warum sind so viele unserer Innenstädte derart hässlich? Mit all ihren aseptischen Fußgängerzonen und funktionalen und daher verwechselbaren Einkaufspassagen, mit den praktischen Parkhäusern und den bedarfsgerechten Einfallsstraßen. Sicher, der Zweite Weltkrieg hinterließ tiefe Spuren der Vernichtung, die selbst vom großen Wiederaufbaueifer nicht mehr zu tilgen waren. Später folgten dann ein paar Schönheitsreparaturen hier und da; sie wollten indes auch nicht immer glücken.

Seit ein paar Jahren geht ein Gestaltungsgespenst unter deutschen Architekten um - das der Rekonstruktion. In Dresden entstand die Frauenkirche neu, in Berlin steht das Stadtschloss vor seiner Wiedergeburt. Doch nirgendwo wird hierzulande so spektakulär und skurril gebaut wie in Frankfurt am Main. Ausgerechnet im Schatten von Deutschlands einziger nennenswerter Skyline der machtaustrahlenden Bankentürme wird aus Neu derzeit wieder Alt gemacht. Denn an der Stelle des inzwischen abgerissenen Technischen Rathauses entsteht Frankfurts Altstadt neu - unter anderem mit 15 Rekonstruktionen mittelalterlicher Häuser.

Dem Rathaus trauert freilich keiner nach. Der plumpe Klotz aus Glas, Stahl und grauem Waschbeton missfiel damals selbst vielen Zeitgenossen. Und das will für die geschmacksunsicheren 70er Jahre schon einiges heißen. Unmut hatte das Monstrum seinerzeit auch deshalb erregt, weil für seine Erschaffung noch ein paar kleinere Abbruch-Arbeiten nötig wurden: die des letzten Rokokohauses sowie Fragmente eines Renaissancehofes. Weniges blieb erhalten, wie die Brunnensäule aus rotem Sandstein, die Krieg und Nachkriegszeit nicht vernichteten und die mit der Bronzebüste des Frankfurter Dichters Friedrich Stoltze wieder an alter Stelle zu stehen kommen soll.

Nun gehört das Technische Rathaus nach nur vier Jahrzehnten schon wieder einer Vergangenheit an, der sich kaum noch einer erinnert. Zu überwältigend und inspirierend ist bereits jetzt die etwa 7000 Quadratmeter große Baustelle, auf der sich so langsam kleine mittelalterliche Gassen und verwinkelte Ecken erkennen lassen. Zumindest hoch droben vom Turm des Doms nebenan, der sich seit Beginn der Bauarbeiten ganz neuer Beliebtheit erfreut - als nunmehr profanierte Aussichtsplattform. Wer sich einmal durch den engen Turm noch oben quälte (vorbei an kamerabewaffneten Japanern) darf im 21. Jahrhundert auf ein junges Mittelalter schauen, das sehr weit unten erst noch im Entstehen ist. Dass da eine technische Hochleistungsmaschinerie für die Wiedergeburt der Vergangenheit eingesetzt wird und bis 2017 gewissermaßen Altes und Neues entstehen lässt, nennt Michael Guntersdorf "schon ziemlich bizarr". Der Mann muss es wissen; als Geschäftsführer der städtischen DomRömer GmbH ist er praktisch der mittelalterliche Baustellenleiter.

Sein Risiko des Scheiterns muss als gering eingeschätzt werden, gilt das neue, etwa 185 Millionen Euro teure Quartier doch als eine weitere Schatzgrube der Stadt Frankfurt. In den 15 Nach- und 20 Neubauten der auferstehenden Altstadt sollen neben Gastronomie, Gewerbe und Handel - wie es im Planungsdeutsch immer so schön heißt - auch etwa 80 Wohnungen entstehen. Allein dafür soll es fast 1000 Bewerbungen geben.

Noch sind es Begriffe wie aus Geschichtsbüchern, doch im nächsten und übernächsten Jahr werden sie uns von der Frankfurter Gegenwart ans Herz gelegt. Die alten und poetischen Häusernamen, die aufzusagen uns eine Ahnung von Vergangenem schenken. Wie "Haus zur Goldenen Waage", "Altes Rotes Haus" und "Neues Rotes Haus", wie "Alter Esslinger" und "Goldenes Lämmchen", wie "Goldene Schere" und "Zur Flechte", "Grüne Linde" und "Würzgarten". Irgendwann werden darin Weinstuben und Edelrestaurants die Gäste einladen, und irgendwann wird man sich dort verabreden, als sei das immer schon so gewesen - was bis auf die paar Jahrzehnte zwischen Kriegszerstörung und Rekonstruktion ja auch tatsächlich stimmt.

Architektur ist aber nie nur Form, nur Fassade. Immer transportiert sie auch Inhalte; stets ist sie der Ausdruck von irgendetwas. Das hat sich schon in den Debatten um die jüngsten Rekonstruktionen etwa der Dresdner Frauenkirche und des Berliner Stadtschlosses gezeigt. Es geht stets darum, womit diese Gebäude zu tun hatten und was eine Vitalisierung der Häuser auch vor diesem Hintergrund bedeuten könnte.

Das ist natürlich auch an einem historisch derart bedeutsamen Ort wie Frankfurt so. Zwischen Dom und Römerberg liegt der alte Markt, den all jene überqueren mussten, die von der einen zur anderen prominenten Stelle gehen wollten. Das waren vom 12. bis 18. Jahrhundert die Könige und Kaiser. Denn, so heißt es im mittelalterlichen Rechtsbuch des Schwabenspiegels: "Alse man den kiunig kiesen wil, daz sol man tuon ze Frankenfurt." So man den König wählen will, soll man dies in Frankfurt tun. Und so geschah es dann viele Male. Die Kurfürsten legten im Römer ihre edlen Gewänder an, zogen über besagten Markt in die Bartholomäuskirche, den Ort der Wahl, und pilgerten nach vollbrachter Tat erneut über den Markt zum Römerberg. Krönungsweg wird die Gasse dieser Prozession der Macht auch genannt.

Der liegt mitten im neuen Quartier - und bereitet den neuen Bauherrn einige Schwierigkeiten. Denn beim Bau des Technischen Rathauses wurde der Krönungsweg um zwei Meter erhöht, warum, das kann sich selbst Guntersdorf nicht mehr denken. Doch wer auf historische Genauigkeit pocht, kann über diese Aufschüttung nicht einfach hinwegsehen.

Das alte Bodenniveau wieder herzustellen, könnte als Klacks angesehen werden, wäre in der Zwischenzeit angrenzend nicht ein weiteres Gebäude auf dieser Erhöhung entstanden: die berühmte Frankfurter Schirn Kunsthalle, die sich eben nicht auf das alte Niveau tiefer legen lässt. Mit einer drei Meter hohen Mauer wollte man darum zunächst die Höhenunterschiede zwischen Mittelalter und Neuzeit ausgleichen. Doch schon bei der Vorstellung der Pläne hagelte es Kritik. Nun ist an eine Pergola gedacht.

Tiefer liegt nur die noch ältere Geschichte Frankfurts. Das sind Reste römischer Bebauung, die im sogenannten Archäologischen Garten unter freiem Himmel seit vielen Jahren den Bürgern zugänglich waren. Jetzt wird dieser Bereich mit einem großzügigen Neubau, dem Stadthaus am Markt, schützend überbaut. Das Stadthaus - gedacht als Veranstaltungsstätte - markiert den südlichen und selbstbewussten Abschluss des neuen alten Viertels und soll als erstes fertig sein, noch 2016.

Man staunt über all das und fragt sich, ob wir damit einfach nur Geschichte wiederholen. Ob wir maßlos die Vergangenheit romantisieren und uns den Geist von Walt Disney in die Innenstädte holen. Und was sagt das über das Selbstverständnis der Gegenwart und über ihr Selbstbewusstsein? Deuten wir mit den Rekonstruktionen vielerorts möglicherweise an, dass wir das Moderne überdrüssig und müde von all dem Stahl und Beton geworden sind? Oder tilgen wir damit die Spuren der Verletzungen aus dem 20. Jahrhundert?

Vielleicht aber sehnen sich die Menschen einfach bloß nach Innenstädten, die nicht mehr nur funktional sind, die Überraschungen bieten, die schön sind, weil sie schön sein wollen - und eben unverwechselbar.

Neulich gab es mal wieder eine dieser Forsa-Umfragen. Danach halten nur 16 Prozent der Deutschen moderne Bauwerke für zeitlos wertvoll. Während drei Viertel aller Befragten erklärten, dass ihnen ohne historische Gebäude etwas fehlen würde. Auch über Frankfurts neue Altstadt wird die Zeit hinweggehen - und dem Mittelalter zur neuen Blüte verhelfen.

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Quelle: RP
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