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Frankfurt
Schöne Literatur in Zeiten der Krisen

Frankfurt. Die Frankfurter Buchmesse ist politisch geworden. Autoren beraten über Extremismus und gehen "auf Weltempfang". Von Lothar Schröder

Mit der Buchmesse hat das zunächst nichts zu tun. Das große Versorgungszelt für ankommende Flüchtlinge am Frankfurter Hauptbahnhof; hinten am letzten Gleis gleich neben den Schließfächern. Und doch ist das Leid der Menschen auch ein Vorzeichen für die Themen der Messe, nur ein paar Gehminuten von dort entfernt.

Bisher wurden in Frankfurt vor allem Geschäfte gemacht; und so waren die Abende auch nicht Debatten und Lesungen vorbehalten, sondern den legendären Verlagspartys überall in der Stadt. Die gibt es immer noch. Und doch hat sich die weltgrößte Messe rund ums Buch auf rasante Weise politisiert - weit über den abschließenden Friedenspreis hinaus, der lange den Disput-Bedarf abzudecken schien.

Am auffälligsten geschieht das - so komisch es klingt - hinter verschlossenen Türen: "Frankfurt Undercover" bezeichnet eine Autoren-Lounge quasi im Hinterstübchen von Halle 5, in der auch der jüdische Gebetsraum untergebracht ist. 30 Autoren aus aller Welt sind der Einladung der dänischen Autorin Janne Teller gefolgt, um während der Messe im geschützten Raum "frei, offen und wild" über Extremismus zu reden. 30 Meinungen, 30 Vorstellungen, 30 Herkünfte. Alles soll erlaubt sein, heißt es zum Auftakt; vielleicht werde man auch verletzend, gar politisch inkorrekt. "Politik ist immer schmutzig", sagt Teller, "aber wir können uns als Schriftsteller doch nicht die Hände damit reinwaschen, indem wir erklären, wir schreiben ja nur Geschichten. Wir sind ein Teil dieser Welt."

Ein Manifest soll und wird es dennoch nicht geben. Es reicht schon eine Sammlung von Ideen am Ende dieser "Konferenz der Hoffnung", die sich laut Teller der Frage stellen wird: "Wie können wir Menschen verstehen, die andere Menschen dazu zwingen wollen, ihre Art von Leben zu leben?" Tagespolitisch dürften solche Dispute unfruchtbar sein. Stattdessen wollen die Autoren das begreifen und beschreiben, wozu die Aktualität kaum noch Atem zu haben scheint: die Mechanismen von Extremismus.

Am Abend treffen wir dann Janne Teller - die für UN-Friedensmissionen auch in Mosambik gearbeitet hat - in der St. Katharinenkirche mitten in der City wieder. Auch das hat sie organisiert: tägliche Lesungen aus Büchern von Autoren, die in Kriegs- und Krisengebieten leben. Und als prominente Vorleser sitzen dann im Altarraum Autoren wie Ursula Krechel und Ulrich Peltzer, Ilija Trojanow und Oscar Guardiola-Rivera, Najem Wali sowie der neue Friedenspreisträger Navid Kermani. "Eine Stunde Schönheit" nennt sich das Programm, auch um uns daran zu erinnern, das Literatur trotz allem geistige Nahrung für unsere Menschlichkeit ist. Weit weg ist das Messegetöse an diesen Abenden.

Eigentlich geht es auch Rafik Schami vor allem um die sogenannte schöne Literatur - um seinen neuen Roman "Sophia und der Anfang aller Geschichten", der sich für einen syrischen Autor im deutschen Exil beängstigend unterhaltsam und fast unpolitisch liest. Keine Klage, keine ätzende Kritik, kein Tyrannenmord weit und breit. Das liegt daran, dass der 79-Jährige ein Erzähler ist; und wer ihn verstehen will, muss in seine Geschichten abtauchen. In jene von Salman, der nach vielen Jahren wieder in die Heimat zurückkehrt und damit stellvertretend das tut, was für den Autor bis heute zu gefährlich ist.

So erzählt Schami unermüdlich gegen alles Vergessen an, das für ihn jede Diktatur fördert. Aber nicht moralisch, sondern spannend und unterhaltsam. Dabei ist Rafik Schami weder Märchenonkel noch Romantiker. Literatur wird kurzfristig nichts verändern, sagt er. Ein arabisches Sprichwort ist sein Lebensmotto: "Humor und Geduld sind die beiden Kamele, mit denen man jede Wüste durchqueren kann."

Das ist auch seine Erfahrung nach 45 Lebensjahren im Exil: "Wenn man da keinen Humor aufbringen kann, wird man entweder verbittert oder pathetisch." Erzählen heißt für ihn, Hoffnung zu haben. "Wer nicht mehr erzählt, der schweigt." Hinter diesen Worten scheint Scheherazade hervorzulugen, die unerschrockene Erzählerin aus 1001 Nacht. Kontakt zu den Flüchtlingen sucht er nicht. Warum auch, sie kommen zu seinen Lesungen. Sie verstünden kein Wort, sagt Rafik Schami, aber sie sind stolz, dass ein Landsmann von ihnen berühmt geworden ist.

Die Buchmesse hatte ja schon politisch begonnen mit dem Blitzauftritt von Salman Rushdie, der ein zwar viel zitiertes, am Ende aber wenig eindringliches Plädoyer für die Meinungsfreiheit lieferte. Vielleicht war das der Prolog für die Politisierung einer Messe in Zeiten vieler gewaltvoller Konflikte weltweit.

Frankfurt geht auf "Weltempfang". So ist eine öffentliche Debatten-Reihe benannt, die Grenzen, Flucht und Vertreibung zum vielstimmigen und pausenlosen Bühnenprogramm macht. Radau ist auch dabei - etwa mit Michel Friedman als streitlustigem Moderator. Ein wenig muss die Messe Politik aber noch üben. Nach einer erregten Debatte über die Not und das Leid der Menschen in Syrien auf der Bühne des "Weltempfangs" bat das Innenministerium als Mitveranstalter erst einmal zum Sektempfang.

Quelle: RP
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