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New York
Deutschlands jüdischer Botschafter

Fritz Stern ist tot: Deutschlands jüdischer Botschafter
FOTO: dpa, bu_sk kde
New York. Gestern ist Fritz Stern im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war einer der bedeutendsten Historiker des 20. Jahrhunderts. Von Lothar Schröder

Mit 90 Jahren ist er nun gestorben - und es muss niemand nachrechnen, um sofort zu wissen, dass Fritz Sterns Kindheit und Jugend unter dem Hakenkreuz des Nationalsozialismus gestanden hat. Für Stern ist diese dunkle Zeit lebensprägend und lebensbedrohlich gewesen und wurde schließlich zur Lebensaufgabe. Gestern ist Fritz Stern, einer der wichtigsten Historiker seines Jahrhunderts, daheim in New York gestorben.

Bekannt ist er den meisten von uns nur als kleiner und schon recht alter Mann. Doch durch seine runde Brille funkelten hellwache Augen, die den jungen, neugierigen Geist dahinter verrieten. Denn Stern war ein Historiker, der sich aus der Vergangenheit nur das Rüstzeug zu holen schien, mit dem er von der Gegenwart erzählen und in die Zukunft deuten konnte. Auch darum sind nur wenige Wissenschaftler bis zu ihrem Tod so aktuell geblieben wie er. Noch seine jüngsten Betrachtungen atmen die Gültigkeit des Tages. Donald Trump? Ein "absolut amoralischer Kerl", sagte Stern, dessen Erfolg ein gutes Beispiel für die "Verdummung des Landes und die entsetzliche Rolle des Geldes" ist. Und der Herausforderin Hillary Clinton wünschte er vor allem "einen langen Ruhestand". Nein, Fritz Stern hat sich nicht raus- und schon gar nicht zurückgehalten in seinen Urteilen. Weil er sich und seiner Meinung sicher war.

Diese Standfestigkeit verdankt er seinem stupenden Wissen, das er sich an der New Yorker Columbia Universität erworben hatte und das er als Professor unter anderem in Princeton weitergab. Weniger als Lehrstoff, vielmehr als Handreichung, einen klaren, analytischen Kopf bewahren zu können.

Die Sicherheit seines Urteils war natürlich auch seiner Lebensgeschichte geschuldet. Die des zwölf jährigen Jungen also - Spross einer jüdischen Arztfamilie -, der aus dem heimischen Breslau 1938 vor den Nazis zur Flucht nach Amerika gezwungen wurde. Mit Hass und Heine habe er Deutschland verlassen, so Stern. Heine ist ihm als geschätzter Dichter geblieben, der Hass auf sein früheres Heimatland aber war durchaus endlich.

So wurde ausgerechnet Fritz Stern zum Fürsprecher eines Landes, das ihn verfolgt und vertrieben hatte. Er zählte zum Kreis jener Historiker, die Margret Thatcher zum gerade wiedervereinigten und womöglich auch wiedererstarkten Deutschland befragte. Stern beruhigte damals die britische Premierministerin, nahm ihr die Angst vor diesem Land und stärkte ihren Glauben in die deutsche Demokratie. Diese Haltung spiegelt auch der Titel seiner erfolgreichen Memoiren: "Fünf Deutschland und ein Leben" von 2007.

Die Schuld für Deutschlands Abfall in die Barbarei sah Stern vor allem im Versagen der Eliten. Auch darum wetterte er gern und oft gegen jede Form von Kulturpessimismus. In ihm machte er eine passive und dekadente, letztlich politisch höchst gefährliche Haltung aus.

Stern war nicht nur ein Verteidiger des Nachkriegsdeutschlands. Er wies diesem Land auch eine neue, erneut gewichtige Rolle für die Zukunft zu. In seiner Friedenspreisrede 1999 in der Frankfurter Paulskirche beschrieb er - zehn Jahre nach dem Fall der Mauer - eine neue Verantwortung für deutsche Diplomatie. Der Republik werde nämlich die Rolle des primus inter pares zufallen, so Stern, schon deshalb, weil in Europa der Führungswille fehle. Schon damals ermahnte er die politische Klasse zu verstärktem Einsatz und Redlichkeit. Stattdessen dienten public relations als Ersatz für die öffentliche Auseinandersetzung: "Das beschreibt einen bedauerlichen Niedergang. Man kann die Bürger durch gezielte Langeweile anöden." Sein Interesse galt Deutschland, sein Wünschen einem dauerhaft friedfertigen Land. Das aber sollte erst einmal sich selbst finden. Es habe den Anschein, sagte Stern in der Paulskirche, als ob den Deutschen "die Aussöhnung mit anderen Nationen besser gelungen wäre als mit den Teilen der eigenen, ehemals gespaltenen Nation".

Gegen Ende seines 90-jährgen Lebens hat er dennoch eine "eigentlich traurige Bilanz" gezogen: So habe er sich stets darüber beschwert, dass er am Ende einer Demokratie aufwuchs und nun am Lebensende die Kämpfe um die Demokratie noch einmal erleben musste. Im noch jungen 21. Jahrhundert erspähte er eine neue Gefahr: das "Zeitalter der Angst".

Quelle: RP
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