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Serie Leben im Kloster (2)
Früher Soldat in Afghanistan, heute Mönch
Serie Leben im Kloster (2): Früher Soldat in Afghanistan, heute Mönch
Aufstellen zum Einzug ins Chorgestühl: Brüder der Benediktinerabtei Beuron im Süden Baden-Württembergs sammeln sich vor dem Mittagsgebet im Kreuzgang ihres Klosters. FOTO: RP Andreas Krebs
Beuron. 50 Benediktiner leben in der Erzabtei Beuron im Donautal. Frank Beha war bei der Bundeswehr, als er beschloss, ins Kloster zu gehen. Von Dorothee Krings (Text) und Andreas Krebs (Fotos)

Es ist fünf Uhr in der Früh, als die Glocke mit ihrem Ding, Ding, Ding die Stille im Tal von Beuron bricht. In der Klosterkirche scheint fahles Licht auf. Innen löst ein Mönch am Haupteingang den schweren Eisenriegel, öffnet krachend das Schloss. Auf den beiden Seitenaltären brennen schon die Kerzen, dahinter ziehen die Mönche in dunkler Tracht ins Chorgestühl. Für die Nachfolger des Heiligen Benedikt beginnt der Tag.

Bruder Longinus liebt diese Minuten am Morgen – die Stille in der Kirche, das Gebet, den Gesang. Er hat einen langen Weg in dieses Kloster genommen. Dieser Weg führte von einem Bauernhof tief im Schwarzwald über Afghanistan bis hierher, in die Erzabtei von Beuron. Doch für Bruder Longinus (32) ist es eine einfache Geschichte, folgerichtig. Er war Soldat, früher, als er noch Frank Beha hieß und Deutschland verteidigen wollte am Hindukusch. Nach der Schule hatte er eine Elektrikerlehre gemacht, dann ging es ab zum Bund. Da gefiel es ihm sofort. Er mochte den klaren Tagesablauf, die Kameradschaft, auch die körperliche Schinderei. "Ich bin ein zurückgezogener Typ", sagt Bruder Longinus, "trotzdem konnte ich mich immer gut in Gruppen einfügen." Er verpflichtete sich für vier Jahre, kam zur deutsch-französischen Brigade, nun standen Auslandseinsätze an.

Irgendwann wollte er mehr erfahren

Irgendwann in dieser Zeit ist es geschehen, fast unmerklich zunächst. Soldat Beha ging manchmal zur Messe. Er fand den Militärpfarrer sympathisch, sprach gern mit ihm. Halb aus Neugier, halb wegen der freien Tage nahm er an Soldatenexerzitien teil – in der Erzabtei Beuron. Da fühlte er sich irritierend daheim, als sei ihm dieses mächtige Kloster im Donautal schon lange vertraut. "Ich habe da einen ungeheueren Hunger bekommen, mehr von Gott zu erfahren", sagt Bruder Longinus, "also habe ich mich im Kloster-Buchladen eingedeckt." Als dann das Angebot kam, zur Soldatenwallfahrt nach Lourdes zu fahren, war er dabei. "Eigentlich ging es mir da immer noch um den Sonderurlaub", sagt Bruder Longinus und streicht sich durch den roten Vollbart, "aber in Lourdes hab' ich erlebt, dass 20 000 Soldaten vieler Nationalitäten aufeinandertrafen und nichts ist passiert, diese friedliche Kraft hat mich beeindruckt."

In seiner Zelle im Kloster hängt ein Gruppenfoto aus Lourdes: Frank Beha in Uniform, ein durchtrainierter Mann, Anfang 20, mit seinen Kameraden. Daneben hat er ein Ölbild angebracht von dem Schwarzwälder Hof, auf dem er aufwuchs. Das hat der Vater malen lassen. Und er hat Kalenderblätter mit Weltraumfotos aufgehängt. "Ich war schon als Kind Star-Trek-Fan", sagt Longinus. "Das Weltall ist so groß, so schön, so perfekt, auch das beweist für mich, dass es Gott gibt."

"Ich war gerne Soldat"

Bevor er ins Kloster eintrat, ist Soldat Frank Beha mit seiner Truppe nach Afghanistan gegangen. Er hat erfahren, unter welchem Druck Soldaten dort ihren Dienst tun, selbst wenn die Lage ruhig ist. Dass er nach dem Einsatz in einen kontemplativen Orden eintreten würde, hat er seinen Kameraden erzählt. "Die haben sich für mich gefreut", sagt er, "es ist doch schön, wenn einer seinen Weg findet."

Manchmal trifft er Kameraden von damals, wenn sie zu Soldatenexerzitien nach Beuron kommen. "Ich nehme meine Kameraden auch mit ins Gebet, wenn ich höre, dass sie wieder runter müssen", sagt er, "ich war gerne Soldat." Doch er hat sich für eine andere Gemeinschaft entschieden, den Dienst quittiert, ist Novize geworden. Da war er 25. Sieben Jahre ist das her. Woher die Gewissheit kam, kann Bruder Longinus schwer erklären. "Es ist wie Verliebtsein", sagt er, "was soll man da sagen: Liebe ist Liebe."

Die Fahrt nach Beuron führt über die Berge der Schwäbischen Alb. Lange windet sich die Straße durch lichte Laubwälder, dann öffnet sich plötzlich das Tal, gibt den Blick frei auf die langgestreckten Flügel des Klosters und die Kirche aus dem 18. Jahrhundert, umgeben von Äckern. Satt und sicher liegt die Abtei da, im Schoß des schroffen Kalkgebirges, wie eine friedliche Festung. Allerdings haben früher 300 Brüder in diesem Gemäuer gelebt, heute sind es 50. Trotzdem bleibt der Erzabt gelassen. "Wir müssen den Alltag darauf abstimmen, dass wir weniger sind", sagt Tutilo Burger. Darum hat das Kloster jetzt 46 Angestellte. Darum klingt der Chorgesang dünner als früher.

Sie leben nach dem Gebot "Bete und arbeite"

Doch auf die Außenwirkung komme es nicht an, sagt der Erzabt. Auch er ist am liebsten morgens um fünf in der Kirche, wenn noch nicht so viele Menschen in den Bänken sitzen und neugierig schauen, wie die Brüder ins Chorgestühl einziehen. "Da fühlt man sich wie auf einer Theaterbühne", sagt der Erzabt, "aber wir sind kein Kulturgut, kein Museum, sondern etwas Lebendiges – wir legen ein Glaubenszeugnis ab durch unser Leben."

Ora et labora et lege – bete und arbeite und lies, lautet der Grundsatz benediktinischen Lebens. Darum gehen die Brüder morgens nach der Terz, einem der acht Stundengebete des Tages, an ihre Arbeit. Das Kloster unterhält einen Kunstbuchverlag, produziert Öle, Salben, Liköre, es gibt eine hauseigene Schreinerei, eine Schneiderwerkstatt und eine Metzgerei. Hinter einem großen Tor in der Außenmauer des Klosters liegt der Verkaufsraum, Bruder Burkhards Reich. Schinken, Räucherspeck und Bratwürste hängen dort an den Fleischerhaken, im Regal sind goldene Dosen gestapelt. Bruder Burkhard bekommt rote Wangen, wenn er seine Wurstsorten aufzählt, dann greift er ins Regal zu seiner Hausmacher-Blutwurst und erzählt, dass er die bis nach Amerika verschickt.

Seit 50 Jahren in der Metzgerei

Seit 50 Jahren arbeitet Bruder Burkhard in der Metzgerei, hat den kleinen Laden aufgebaut, steht dort mit Kappe und weißem Kitttel hinter der Theke. "Ich habe hier auch so manches geistliche Gespräch geführt", sagt er, "es gibt immer Leute, die sich eher in die Metzgerei trauen als in die Kirche."

Doch es kommen auch Menschen, die dringend einen Seelsorger suchen. Die landen dann bei Bruder Methodius, dem Gastpater des Klosters. 38 Jahre ist er alt, ein dezenter Mann mit weicher Stimme, hellen Augen, behutsamer Sprache. Burnout, Beziehungskrisen, hoffnungslose Diagnosen – es sind schwere Lasten, die Menschen bei Methodius abladen. Der hört zu, fragt nach, sucht mit den Menschen nach Mustern und Symbolen in ihrer Geschichte, versucht sie mit ihnen zu deuten.

"Weil Mönche sich zurückziehen, können sie das Leben als Ganzes betrachten", sagt Methodius, "viele Menschen sehen nur den Ausschnitt ihrer Erlebnisse, gerade wenn sie Schwierigkeiten haben. Leben ist aber mehr als unsere Biografie, als geboren hier, gestorben da." Der Pater schweigt, beobachtet, ob sein Gedanke angekommen ist. Er ist mit 27 Jahren in einen kontemplativen Orden eingetreten, weil er an die Kraft der Stetigkeit, der konzentrierten Betrachtung glaubt. Jeden Morgen meditiert er in seiner Zelle, beobachtet, wie die Sonne aufgeht, wie sich das Leben regt. "Das ist eine schöne Erfahrung", sagt er, "davon kann ich nicht genug bekommen." Betrachten bedeute, eine Beziehung aufzubauen, sagt er, und dass die Leute wieder lernen müssten, in Beziehung zu ihrem Leben zu treten. "Wenn ich dabei helfen könnte, wäre das schön."

Manchmal spricht er über den Mangel an Feuer

Es gibt allerdings Brüder, denen selbst das Leben in einem kontemplativen Orden nicht entschieden genug ist. Die sehnen sich nach mehr Einsamkeit, nach dem Leben eines Eremiten. So wie Bruder Jakobus. Der hat zehn Jahre in Beuron gelebt, dann zog er in den Wald, in eine 600 Jahre alte Kapelle am Ende eines Forstwegs, Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Dort lebt und betet und liest und schweigt er. Nur manchmal kommen Pilger auf dem Jakobsweg vorbei. Wenn die ihn ansprechen, unterhält er sich. Und gelegentlich fährt er zurück nach Beuron, leitet dort christliche Zen-Kurse, übt mit Managern, Lehrern, Studenten das Schweigen.

Doch Bruder Jakobus ist kein stiller Mensch. Wenn er über die Kirche spricht, über den Mangel an Feuer, an "existenziellem Prickeln", an Entschiedenheit in der Nachfolge Jesu, dann ist seine Stimme energisch, und sein Blick glüht unter den buschigen Augenbrauen. Seit 20 Jahren lebt er nun schon in seiner Klause, abgeschieden von der Welt, um in den Raum vor der Sprache, vor den Gedanken zu dringen. Ein formloser Raum sei das, in dem doch schon alles vorhanden sei, sagt er. Bruder Jakobus hat sich entschieden für ein Leben gegen jedes Produktivitätskalkül, ein Leben in der Tradition der Wüstenväter, radikal benediktinisch. Kontemplation, sagt er, bedeute, sich Gott auszusetzen. Er wagt es alleine – an den Quellen des Mönchstums.

Früher fuhr er Motorrad

Auch Bruder Longinus schätzt das Alleinsein. Er zieht sich zur Arbeit gern in die Elektrikerwerkstatt zurück, hat sich dort zwischen Lampenschirmen, Birnen, Kabelvorräten eine Stube eingerichtet, in der er seine Pausen verbringt. Doch er schätzt auch die Gemeinschaft, organisiert Spieleabende im Kloster, braucht das gemeinsame Gebet.

Er war zwölf, als seine Mutter seine Familie verlassen hat, als sie Mann und zwei Kinder auf dem einsamen Hof im Schwarzwald zurückließ, um ein anderes Leben zu beginnen. Den Schock hat er nie verwunden. "Seitdem suche ich feste Bindungen nicht mehr in der Familie", sagt er, "lieber in größeren Gruppen."

Manchmal sind im stillen Tal von Beuron Motoren zu hören, ihr hochtouriges Heulen hallt an der Donau entlang. Dann wird Bruder Longinus sehnsüchtig. Ein Motorrad hat er früher besessen. Er liebte die Freiheit auf dem Sattel und die Beschleunigung. "Auf Freizügigkeit zu verzichten, ist viel schwerer, als keusch zu leben", sagt er. Einfach aufzusteigen, loszufahren, wohin er will, das vermisst er manchmal. Eine Freundin nicht. "Ich hab' nie eine gehabt, ich kann mich also gar nicht danach sehnen", sagt Bruder Longinus.

In den Ferien, wenn er zum Vater fährt, leiht sich Bruder Longinus dessen Motorrad, braust durch den Schwarzwald. "Das genieße ich dann viel mehr, als wenn ich es jeden Tag hätte", sagt er. Jetzt, zur Arbeit, trägt Bruder Longinus keine Kutte, sondern Latzhose, T-Shirt mit Tarndruck, eine graue Bundeswehrkappe. Sein Handy klingelt, irgendwo im Kloster ist eine Lampe defekt, Bruder Longinus muss los. Zum Abschied legt er die Hand an die Mütze, grüßt wie früher – als der Bruder noch Soldat war.

Quelle: RP/pst/csi
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