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Brüssel
Geige im Flugzeug – Gefahr fürs Cockpit?

Brüssel. Organisten und Pianisten besitzen gegenüber der Restmusikerschaft einen Vorteil. Zwar sind sie Individualisten, die ihr Leben oft einsam verbringen, doch müssen sie nie Instrumente schleppen. Nur der Pianist Krystian Zimerman fährt stoisch seit Jahrzehnten mit seinem Steinway im Anhänger durch Europa. Geiger, Bläser, Gitarristen – sie alle sieht man mit eigenen Koffern, Etuis und Kästen. Von Wolfram Goertz

In Flugzeugen sind Musiker wenig gelitten. Viele Airlines wollen nicht garantieren, dass etwa ein Cello im Frachtraum ordentlich verstaut wird. Deshalb sollen die Passagiere einen zweiten Platz zum Vollpreis buchen, obwohl der neue Gast weder Tomatensaft mit Salz und Pfeffer beanspruchen noch ein Käsesandwich verzehren wird. Den Zwang zum zweiten Ticket wenden manche Firmen neuerdings auch auf Geiger und Gitarristen an. Viele Musiker empfinden das als Schikane und haben eine Online-Petition entworfen (www.change.org). Katie Melua hat ihr das Motto gegeben: "Lasst nicht die Fluggesellschaften entscheiden, wo auf der Welt wir Musik machen können!"

Seit der zivile Luftverkehr jeden Passagier wie einen potenziellen Al-Qaida-Terroristen behandelt, sind auch Musiker und Instrumente die obskuren Objekte behördlicher Begierde. Könnte in diesem Bratschenkasten nicht ein Bömbchen versteckt sein? In diesem Saxofonrohr nicht etwas Flüssig-TNT? Ja, könnte sein. Terroristen pflegen in der Regel teure Geigen zu stehlen, um deren Corpus mit Sprengstoff abzufüllen und über dem Atlantik im Bordklo zur mörderischen Mixtur zu komponieren. Ironie beiseite: Sicherheit geht vor. Aber für ihre polizeilichen Ahnungen sollten Airports bessere Innenleben-Diagnostik betreiben und ihre Defizite nicht auf die Kundengeigen abwälzen.

Am Brüsseler Flughafen hat man es jetzt übertrieben. Ein Geiger wurde aufgefordert, die Saiten seiner Violine abzumontieren und zu entsorgen, weil – so die offizielle Begründung – "mit diesen Stahlsaiten der Pilot stranguliert werden" könnte. In der Tat pflegen Kapitäne stundenlang durch die Maschine zu spazieren und die Hälse vor Geigern zu entblößen. Dass es da zu lebensgefährlichen Attacken kommt, ist wahrscheinlich. Wir weisen die Airlines zudem vorsorglich darauf hin, dass terroristische Cellisten umherspazierende Piloten auch mit dem Cellokasten erschlagen könnten, der auf dem Nachbarsitz mit eigenem Ticket auf seine tödliche Mission wartet.

Quelle: RP
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