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Geiger des Jahrhunderts

Vor 100 Jahren wurde in New York der Musiker Yehudi Menuhin geboren. Er war ein Humanist und großer Versöhner. Mit seiner Violine rührte er die Menschen zu Tränen. Und er war der erste bedeutende jüdische Künstler, der nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in Berlin auftrat - der Stadt, in der er im Jahr 1999 auf einer Konzertreise starb. Von Wolfram Goertz

Es war der Weltbürgersteig, auf dem er das Gespräch suchte. Lieber sprach er mit den Menschen als zu ihnen, er lieh jedem sein Ohr und spielte sich nicht als Eiferer auf. Was er sagte, war tiefen Einsichten abgelauscht. Wenn er predigte, schien hinter jeder Mahnung das Angebot zur Umkehr auf. Als Yehudi Menuhin 1999 im Alter von 82 Jahren starb, verließ uns ein vollends freier, menschenfreundlicher Geist, einer der letzten Humanisten.

Zum Glück können wir uns an seine Musik halten, wir eilen zum Schrank und holen jene Aufnahme hervor, zu der sich der Geiger Yehudi Menuhin und der Pianist Glenn Gould vor 50 Jahren, am 18. Mai 1966, live im Fernsehstudio trafen (und die, wie so viele gute Aufnahmen, heute allenfalls auf Umwegen erhältlich ist): die c-moll-Sonate BWV 1907 von Johann Sebastian Bach.

J. S. Bach, Sonate c-Moll für Violine und Klavier, 1. Satz, Largo

Die Welt ist still, die Geige beginnt aus dem Nichts eine Erzählung. Melodie oben, Begleitung unten. Die Geige könnte sich sogleich forttragen lassen, flöten und lerchen, sie könnte ein kleines, schwermütiges Paradies auftun. Menuhin hingegen hebt nicht ab, sondern reflektiert Bachs Schlichtheit, er bleibt im Gespräch. Er weiß vom ersten Takt an, dass er überhaupt nur durch den anderen existiert. Den Pianisten macht er nicht zum Gehilfen, sondern so sehr zum Partner, dass selbst Glenn Gould hier zutraulich wird. Es muss bei der Probe Wunderbares geschehen sein.

Vermutlich war es damals Menuhins reiner, ein wenig kindlicher, unbescholtener Geist, der Gould ansprang. Einfach daherkommen, unverstellt, ohne Allüren, ohne die Geste des besserwissenden Virtuosen: Menuhins Geigenspiel machte immer große Augen und guckte sich staunend, doch nicht unreif die Welt der Musik an.

Wie überhaupt vieles bei Menuhin jederzeit an die Anfänge erinnerte. Am 25. November 1927 kam er als elfjähriger Junge auf die Bühne der New Yorker Carnegie Hall, er trug samtene Kniehosen, weiße Strümpfchen, ein weißes Sportblouson - und eine Geige. Die war für den Knirps offenbar schwer zu bedienen, denn kaum hatte er das Podium betreten, reichte er das Instrument dem Konzertmeister des New York Symphony Orchestra, damit der die Stimmung überprüfen und gegebenenfalls die Wirbel festziehen konnte; dazu fehlte dem Jungen noch die Kraft. Auf dem Programm stand das Violinkonzert D-Dur von Ludwig van Beethoven, und als der Junge jene ersten Solo-Takte gespielt hatte, wusste das Publikum, dass es ein Wunderkind hörte.

Die Kritiker waren über die ungeheuerliche Darbietung in diesem Debütkonzert beinahe erschrocken. Der Rezensent der "New York Times" fasste diesen Quantensprung kindlichen Violinspiels, den er erlebt hatte, in folgende Worte: "Ich war mit der Überzeugung gekommen, dass ein Kind nicht besser Geige spielen könne als ein dressierter Seehund, und ich ging mit der Gewissheit weg, dass es so etwas wie einen berühmten Künstler gibt, der sehr früh beginnt. Hier muss man das abgedroschene Wort ,Genie' zitieren. Es gibt keine andere Erklärung für eine solche Leistung."

Als der alsbald dreizehnjährige Menuhin in Berlin unter Bruno Walter an einem einzigen langen Abend die Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms gespielt hatte, war es um den Halbwüchsigen geschehen. Der Scheue wurde als Wunderkind umarmt und geriet weltweit ins Gespräch, in eine Art der Einvernahme, gegen die er sich nicht wehren konnte. Er gab weitere Konzerte, stellte sich auf berühmteste Podien und wollte allein durch seine Geige reden und zugleich an die Hand genommen werden. Manche Hilfestellungen - solche handwerklicher Art - hätte er brauchen können. Warum? Wozu? Davon später, doch zunächst:

Bach-Sonate, 2. Satz, Allegro

Wieder ein Stück mit drei Stimmen. Glenn Gould am Klavier hat zwei äußerst selbstständige, Yehudi Menuhin bloß eine, doch hält er nur dann dagegen, wenn Bachs Kontrapunkt das erlaubt. Nicht aus Edelmut, sondern aus Einsicht lässt er dem Pianisten manchmal den Vortritt, die Geige hört dann kollegial zu, sie respektiert und atmet mit. Wenn man so will, hört man hier paradigmatisch Menuhins Willen zur Toleranz.

Die Gabe, zuhören zu können, besaß Menuhin, bevor er die andere entwickelte: selber sprechend auf seine Zuhörer zuzugehen. Aus der Offenheit sprach Skepsis gegenüber jeglicher Gewissheit, vorurteilsfreie Vorsicht gegenüber den Urteilen. Er wollte die Welt und das, was in ihr passierte, von allen Seiten kennenlernen, nicht nur Visiten abhalten. Als er 1947 wieder in Berlin gastierte, als erster Amerikaner nach dem Krieg, als Jude und noch dazu mit Wilhelm Furtwängler am Pult, wusste Menuhin genau, warum er es tat: nämlich aus der gleichen fragenden humanistischen Gesinnung heraus, die ihn wenige Jahre zuvor mit der Geige zu den alliierten Truppen geführt hatte.

Er glaubte, dass alles Geschichtliche weit mehr als nur eine einzige Dimension und Perspektive besäße. Und im zeitlichen Schnittpunkt dieser Auftritte: sein Musizieren vor den Überlebenden der Konzentrationslager Bergen-Belsen, Buchenwald und Dachau. Diese Gabe, schier allen Seiten, ohne Ansehen der Person, sein Ohr, sein Wort und das Spiel seiner Violine leihen zu können, sollte ihn lebenslang davor bewahren, als bloßer Gutmensch und lächelnder Wohltäter abgetan zu werden.

Bach-Sonate, 3. Satz, Adagio

Jetzt verhilft kein motorisches Tempo mehr zur Einigkeit, jetzt sind die Instrumente völlig unabhängig voneinander, rhythmisch und thematisch. Eine Charakterfrage. Menuhin wählt in schier beängstigender Musikalität den richtigen Weg. Er webt seine Stimme als Schleier, der sich sanft und breit über die Musik legt. Zugleich wird der Schleier zum Teil von der Musik. Goulds unerhörtes Gleichmaß, sogar sein Mitbrummen fügen sich zu kammermusikalischer Dichte, in der sich die Tonart Es-Dur alsbald verschattet. Nun ist die Atmosphäre einzigartig; sie changiert zwischen Stimmungen.

Dabei kommt es, wie nebenbei, zu kleinen Unachtsamkeiten. Nun, der Geiger Menuhin galt nie als Inbegriff des perfekten Musikers. Seine Karriere hatte zu früh begonnen, die Technik war längst nicht austrainiert. Doch schienen angerutschte Noten, unkontrolliertes Vibrato oder leicht missglückte Lagenwechsel bei ihm selbst keinerlei Zerknirschung hervorzurufen. Möglicherweise beförderte gerade der Verzicht auf die Korrektur das Geheimnis des Menuhinschen Geigentons, der sich stets trocken am Moment entzündete und doch blühend seine Sehnsucht artikulierte - wie in diesem Adagio. Vielleicht wollte Menuhin gerade das Anfechtbare seinem ganzheitlichen, auf Versöhnung der Widersprüche ausgerichteten Weltbild nicht ausgetrieben wissen.

Bach-Sonate, 4. Satz, Allegro

Jetzt darf es erneut schnell zugehen. Bei Menuhin und Gould wird es aber experimentell. Menuhin arbeitet, ohne dass die Geige klirrt oder die Linie verliert. Er lässt sich von Gould anstiften, seine Linien sehr nervös zu vernähen. Es liegt etwas Zielloses in dieser vorantreibenden Flüchtigkeit, doch nicht nur. Nach bewusst geträumtem Gesang, polyphoner Etüde und melancholischer Süße in den drei anderen Sätzen haben die beiden nun Spaß, die Materie knirschen und stauben zu lassen. Ausprobieren. Erlebnishunger. Das Denkbare riskieren und nicht nachdenken, dass das Ebenmaß leiden könnte. Darüber geht das Stück im Einklang von Yehudi, Glenn und Johann Sebastian zu Ende: ein einziges C, oben, in der Mitte, unten. Danach nur Bandrauschen.

Menuhin hat im Leben vieles ausprobiert. Er spielte mit Stéphane Grappelli und Ravi Shankar, begann zu dirigieren, gründete Festivals, forschte, lehrte, lernte, lieh der Ökologie sein Herz und dem Pazifismus seine Stimme. Außerdem müsse man den "richtigen Gott in sich" suchen, sagte er einmal. Er tat alles schier simultan, denn er hatte nur dieses eine Leben und keinen fünften Satz mehr.

Yehudi Menuhin war der einzige bedeutende Geiger, mit dem Glenn Gould je im Duo musiziert hat. 1967, wieder im Mai, widmete er Menuhin sogar eine Einführung zu einer Radiosendung, die dessen gesamte Diskographie zum Inhalt hatte, und sendete eine Aufnahme des 16-Jährigen von Elgars Violinkonzert - ein Werk, das Menuhin, wie alles andere auch in seinem kostbaren, erfüllten Leben, sehr geliebt hat. Diese Liebe hat ihn durchs Leben getragen. Vor allem zu uns.

Dieses Musikerleben lässt sich nicht besser, schöner, auch ergreifender überblicken als mit der neuen, geradezu imperialen, für Menuhins an Bescheidenheit ausgerichteten Verhältnisse geradezu grotesk gewaltigen Box mit 80 CDs und elf DVDs. Sie bietet sämtliche Aufnahmen Menuhins, die dem Hörer den berühmten Satz von Albert Einstein in Erinnerung rufen: "Jetzt weiß ich, dass es einen Gott im Himmel gibt." Das sagte Einstein, als er den jungen Yehudi Menuhin in Berlin spielen hörte. Ja, es strahlte etwas Göttliches im Geigenspiel des am 22. April 1916 in New York geborenen Wunderkindes und früh zum Weltstar gewordenen Ausnahmekünstlers. Das ist nachzuhören in der prachtvoll ausgestatteten Edition "The Menuhin Century", mit der Warner Classics, Rechtsnachfolger der lebenslangen Menuhin-Plattenfirma EMI, den 100. Geburtstag feiert.

Sie feiert Menuhin als Musiker, der ohne Schonung ein ganzes Jahrhundert lang auf allen Saiten feuerte, jubilierte, sang, für die Musik als Vase und Welle der Verständigung warb - doch am eindrucksvollsten ist die Begegnung mit dem jungen Menuhin, dem Kind, das (daran dachte Einstein) Töne aus dem Paradies produzierte. In jenen Kindertagen galt für Menuhin noch keine Zeitrechnung. Was allein das New Yorker Konzert anlangt: Monate zuvor war er noch in Rumänien gewesen, hatte Unterricht bei George Enescu bekommen, und jetzt schickte er sich an, Amerika und die Welt zu erobern. New York bewunderte die instinktsichere Großartigkeit, mit welcher der kleine Menuhin den schweren Beethoven bewältigte, wie er schon die einleitenden Oktavsprünge in den Saal meißelte, wie überwältigend er die Kadenz absolvierte, wie er auch dem langsamen Satz Farbe verlieh.

Es hat in diesem Jahrhundert zweifellos virtuosere, stilsichere, variablere Geiger gegeben. Einem Heifetz war Menuhin technisch unterlegen, und gegen Grumiaux' Mozart kam er schwerlich an. Aber Menuhins Musizieren besaß ein großes Herz, es nahm alles in sich auf - und aus diesem vollen Herzen erzählte seine Geige große Geschichten. Später begann er auch zu dirigieren, er konnte nicht aufhören, er gründete Stiftungen, immer beseelt von der Energie, andere Menschen zu erreichen, gerade auch solche, die noch nie mit klassischer Musik in Berührung geraten waren. Es war leicht, von Menuhin und seinem Spiel berührt zu werden. Es strahlte und überwand alle Grenzen.

Als er 1999 auf einer Konzertreise in Berlin starb, schloss sich ein Kreis - von New York aus, seinem Geburtsort, mitten ins Herz Deutschlands, dem er alles verziehen hatte, was ein Jude verzeihen konnte.

Quelle: RP
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