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Darmstadt
Büchners Lorbeer für Rainald Goetz

Georg-Büchner-Preis geht an den Autor Rainald Goetz
FOTO: dpa
Darmstadt. Der 61-jährige Schriftsteller wird mit dem renommierten Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet. Die Ehrung gilt einem Autor, der sich von Beginn an gegen den Literaturbetrieb stemmte. Von Lothar Schröder

Wahrscheinlich wird Rainald Goetz zur Preisverleihung gar nicht kommen und seine Abstinenz als Manifest gegen jede medientaugliche Kulturbetriebsvereinnahmung ausgeben. Noch wahrscheinlicher aber dürfte sein, dass Goetz sehr wohl nach Darmstadt reist, in einer Lesung atemlos die Welt skizziert und sie mit seinen Skizzen feinnervig seziert. Oder Rainald Goetz kommt einfach nur, sackt die 50 000 Euro ein, mit denen der Büchner-Preis geschmückt ist, bedankt sich und liest eine neue Variante der alten und noch immer so brisanten Lenz-Erzählung.

Das wär's doch, dass Goetz in seiner Dankesrede auf Deutschlands renommiertesten Literaturpreis den "Lenz" weiterdichtet. Weil doch Goetz eigentlich wie ein Nachgänger des romantischen Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz erscheint - auch er ein Selbst-Erkunder, hypernervös und ruhelos, erschöpft und rasend seinen Platz in der Welt suchend. Wer diese Seelenverwandtschaft nicht glaubt, sollte einen der ganz frühen Goetz-Texte nachlesen. 1978 war das, als er im Kursbuch Nummer 54 einen Essay über sich veröffentlichte, über seine Anpassung und seinen Widerstand. Goetz war damals 24 Jahre alt und bereits promovierter Althistoriker. Nur vier Jahre später sollte er auch noch ein promovierter Mediziner werden - mit einer Arbeit über Jugendpsychiatrie.

Doch weder die Deutung des Vergangenen noch die Analyse unseres Bewusstseins wurden ihm zur Profession. Vielmehr wählte er als 30-Jähriger dann endgültig einen Beruf, den es bis dahin noch gar nicht gab: den des Aufmerksamkeitsfanatikers und unablässigen Chronisten des Hier und Jetzt, dessen Werk eine Art Lebensmitschrift ist und somit einen Stillstand niemals akzeptieren kann. Goetz ist ein Unruheherd, ist Punker gewesen und Raver, er hat den literarischen Blog erfunden, und nach einem Jahr der täglichen Schreib-Obsession erschien zum Nachlesen "Abfall für alle". Goetz ist ein Hochgeschwindigkeitsschreiber und -sprecher, dessen sogenanntes Gesamtwerk auf über 20 Bücher angewachsen ist - darunter "Irre", "Krieg" und "Hirn", die Erzählung "Rave" und das Stück "Jeff Koons", die RAF-Erzählung "Kontrolliert" und "Klage", sein Blog für "Vanity Fair"; schließlich seine Studien unseres Medienbetriebs in "Loslabern", eine flirrende Betrachtung vom Kritikerempfang der FAZ.

Nicht alles gelingt in diesem Experimentierfeld unserer Gegenwart. Dazu wird man sicherlich auch seinen Fotoband "elfter september 2010" zählen müssen. Eher irritierend auch sein jüngster Beitrag. Vor drei Jahren veröffentlichte er mit "Johann Holtrop" einen Schlüsselroman, der vom Aufstieg und Fall des Managers Thomas Middelhoff erzählt und in dem Goetz nicht nur eine Innensicht der kapitalistischen Welt und ihrer Funktionsweise versucht, sondern sich auch in der klassischen Prosa-Großform des Romans übt. Natürlich geschieht dies bei ihm nicht unreflektiert. Immer wieder wird das konventionelle Erzählen zum Thema seines Buches. Doch auch dieser doppelte Boden vermag das Werk nicht zu retten.

Rainald Goetz ist ein Literaturradikaler, der sich um sein Leben liest und um sein Leben schreibt. So einen wie ihn gibt es in der deutschsprachigen Literatur sonst nicht. Vergleichen ließe er sich allenfalls mit dem Österreicher Thomas Bernhard (1931-1981). Aber auch solche Analogien dienen am Ende meist nur dazu, dem Phänomen das Einzigartige zu nehmen und es für Literaturgeschichten verwertbar zu machen.

Goetz aber muss man aushalten. Goetz ist anstrengend. Goetz ist unberechenbar. Goetz ist aggressiv, ein Utopist und als Jäger des Flüchtigen antiaufklärerisch. Das zu verstehen und nachvollziehen zu wollen, benötigt Kraft; leichter ist es, Goetz ein wenig unschädlicher zu machen mit den üblichen Umarmungen des Literaturbetriebs. So ist der inzwischen 61-Jährige ein Autor mit vielen Ehrungen, dessen Werk auf internationalen Symposien eingehend examiniert wird. Natürlich ist der Preis im Namen Georg Büchners (der wie der Geehrte ein Mediziner war) fraglos eine richtige Entscheidung; zwanzig Jahre früher aber wäre sie originell und inspirierend gewesen.

So bleibt das Gefühl, dass Ende Oktober zur Büchner-Preisverleihung ein weiteres Stück Literaturgeschichte geschrieben wird - wenn auch mit einem unkonventionellen Eintrag. Zu einem grellen Schrei des Protestes aber, der Provokation und der Befreiung von all der "Riesenscheiße" des Kulturbetriebs (so Goetz) wird es nicht mehr kommen.

Es bleibt die Erinnerung an Klagenfurt 1983, an seine - wie es heißt - legendäre Lesung beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb aus "Subito". Dabei ritzte sich Goetz vor versammelter Kritikerschar mit einer Rasierklinge die Stirn, so dass das Lesen wegen des Blutes immer schwieriger wurde und schließlich sogar eingestellt werden musste. Dem besorgten Veranstalter versicherte Rainald Goetz, er sei Mediziner und wisse darum sehr genau, was er tue. Daraufhin wurde eine Putzfrau gerufen zur Beseitigung des vergossenen Dichterblutes - bis alles wieder blitzblank war.

Quelle: RP
 
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