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Darmstadt
Büchner-Ehre für Marcel Beyer

Darmstadt. Irgendwann sollte man auch einmal Jury-Texte bewerten. Dazu sollte dann auch jener bedacht werden, der gestern über Marcel Beyer lobend ins Land geschickt wurde. Dessen Texte seien "kühn und zart, erkenntnisreich und unbestechlich". Wenn von allem etwas dabei ist, kann nichts schiefgehen, mag sich die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gedacht haben. Von Lothar Schröder

Solche wortakrobatischen Übungen sind bei Marcel Beyer zudem gar nicht nötig. Er ist auch so ein würdiger Träger des Georg-Büchner-Preises 2016, der nicht nur wegen seiner stattlichen Dotierung von 50.000 Euro zu den wichtigsten des Landes zählt. Mit Marcel Beyer werden die Darmstädter einen Dichter und Erzähler küren, der dem Anliegen der Akademie vielleicht am nächsten kommt: der Welt mit Sprache auf die Pelle zu rücken und ihr mit Worten neue, noch unbekannte Aussagen zu entlocken.

Und Marcel Beyer gehört zu diesen unermüdlichen Sprachschöpfern. Der 50-Jährige ist in Neuss aufgewachsen und hat in unmittelbarer Nachbarschaft einen großen Bruder im Geiste gefunden. Das war der vor elf Jahren früh verstorbene Dichter Thomas Kling, der Beyer ein zweimonatiges Stipendium auf der Raketenstation verschafft hatte. Kling ist für Beyer eine Art Mentor geworden; Friederike Mayröcker und Ernst Jandl - über beide hat er gearbeitet - aber wurden seine österreichischen "Schreiblehrer".

Marcel Beyer gehört zu den vielen gelehrten Dichtern, die die deutsche Literatur kennt, aber zu den wenigen, die eigene Wege suchen. Während die meisten nach Berlin gingen, hat es Beyer nach Dresden gezogen. Während viele Statements zum Tage liefern, sieht er in solcher Kurzatmigkeit eher einen Missbrauch literarischer Sprache. Seine Laufbahn begann er vor 26 Jahren mit Lyrik ("Walkmännin"), schaffte seinen Durchbruch fünf Jahre später aber mit "Flughunde", einem Roman vom Ende des Zweiten Weltkriegs. Dann trieb er sich noch ein bisschen in der Prosa rum, schrieb Essays und Opernlibretti und landete jüngst wieder bei der Lyrik: "Graphit" ist eine Gedichtsammlung, die über zwölf Jahre wuchs und die geistreich auch die Gegend seiner rheinischen Kindheit erkundet.

Mit seinen 50 Jahren hat Beyer schon viele große Preise abgeräumt. Vor drei Wochen erst den Düsseldorfer Literaturpreis, jetzt Büchners-Lorbeer. Die Jury hat alles richtig gemacht - trotz Wortakrobatik.

Quelle: RP
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