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Düsseldorf
George Martin war der fünfte Beatle

Düsseldorf. Er tapezierte der Band ein Zimmer im Olymp: Der Arrangeur von "Yesterday" wurde 90 Jahre alt. Von Philipp Holstein

Um zu begreifen, was George Martin vollbracht hat, sollte man sich an den armen Brian Wilson erinnern, den Kopf der Beach Boys. Wilson war großer Fan der Beatles, ihre LP "Rubber Soul" (1965) hatte sein Leben verändert, diese Platte gab ihm die Energie, "Pet Sounds" ('66) einzuspielen, das Meisterwerk seiner eigenen Band und laut Paul McCartney die größte Platte aller Zeiten. Die Beatles legten mit "Revolver" nach, ein unglaublich ambitioniertes Werk, und natürlich wollte Brian Wilson sie übertreffen. Im Februar 1967 arbeitete er an der endgültigen Pop-Platte, an einer psychedelischen Sternstunde, das Studio sollte zum Instrument werden. Er war im Auto unterwegs, als im Radio der Beatles-Song "Strawberry Fields Forever" Premiere hatte. Wilson hörte die ersten Takte, sie waren perfekt, dann fuhr er rechts ran und heulte. Er hatte das Rennen verloren.

George Martin war nicht bloß der Produzent der Beatles. Er übersetzte die Ideen von John und Paul, er war Arrangeur, Dompteur und Vaterfigur. Er war ja fast 20 Jahre älter als sie, er hatte nach der Army an der Guildhall School Of Music And Drama Komposition studiert. Als junger Kerl kam er zur EMI, stieg rasch auf und richtete zunächst Platten von Komikern ein, von Peter Ustinov und Peter Sellers etwa. Der besondere Humor fiel ihm dann auch bei den Beatles auf, deren Songs ihm Manager Brian Epstein 1962 vorspielte. Er fand die Musik schlecht, spürte aber ein Charisma, das allein das Zeug hatte, die Hitparaden zu stürmen, wie er später erzählte.

Am 6. Juni 1962 traf er sie zum ersten Mal, bei den Beatles saß noch Pete Best am Schlagzeug, und George Martin sagte, der müsse gehen, er sei nicht gut genug. Die Beatles engagierten Ringo, und der Rest ist Geschichte. Als das Quartett 1963 den von John geschriebenen Song "Please Please Me" vorsang, nickte George Martin und nahm das Stück auf. Die Session war kurz, und am Ende sagte er: "Well done. Eure erste Nummer eins." Wenige Tage nach der Veröffentlichung stieg das Lied an die Spitze der Charts.

George Martin schlug vor, "Yesterday" mit Streichern zu veredeln, er rüstete die "Abbey Road Studios" auf die Vier-Spur-Technik um, er besorgte die obszön hohe Summe von 25.000 Pfund, die die 700 Stunden langen Aufnahmen zu "Sgt. Pepper" verschlangen. Und er richtete "A Day In The Life" ein, den größten Pop-Song aller Zeiten. Er tapezierte den Beatles ein Zimmer im Olymp.

Nach der Trennung der Fab Four produzierte Martin die Bands America und Ultravox sowie "Candle In The Wind" von Elton John. In Erinnerung bleiben wird er indes als Produzent der Beatles, als fünftes Band-Mitglied. Wer ihn erleben möchte, möge sich die "Beatles Anthology"-DVD-Box besorgen - die sollte man ohnehin jedem Neugeborenen zur Begrüßung schenken. Man sieht dort einen soignierten Gentleman; er spricht ruhig, manchmal spöttisch, aber immer mit viel Liebe über seine Band.

Nun ist George Martin 90-jährig daheim bei seiner Familie gestorben. Er hat die Straße zwischen den Köpfen der Beatles und den Herzen der Hörer gebaut. Dafür gebührt ihm ewige Dankbarkeit.

Quelle: RP
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