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Düsseldorf
Glamour-Pop für den Widerstand

Düsseldorf. Die Sängerin Anohni protestiert mit Schönheit gegen Krieg und Unheil. Von Philipp Holstein

Noel Gallagher ist der etwas klügere der beiden Oasis-Brüder, und neulich hat er sich in einem Interview sehr über die aktuelle Popmusik gewundert. Die Welt sei in Aufruhr, sagte Gallagher, und trotzdem handele der erfolgreichste Song derzeit von einer Frau, die darüber jammere, dass ihr Geliebter sie verlassen hat - warum bloß? Er spielte natürlich auf das Lied "Hello" von Adele an, was zwar ungerecht ist, aber auch wahr. Nun allerdings ist ein Album erschienen, das Gallagher beruhigen könnte: Es ist Ausdruck seiner Zeit, Reaktion auf die Gegenwart, politisch und engagiert, dabei durchaus verliebt in Oberfläche, Schönheit und Glanz.

Die in England geborene Künstlerin Anohni hat es aufgenommen, sie musizierte früher, als sie noch ein Mann war, als Antony & The Johnsons, damals schrieb sie streicher- und pianoselige Songs über Einsamkeit und Verlorenheit. Lou Reed war ihr Förderer, einen "Engel" nannte er sie, "Beauty is the new Punk" lautete ihr Motto, und selbst Herbert Grönemeyer fand sie so toll, dass er ein Duett mit ihr aufnahm. Nun nennt sie sich also Anohni, und ihre Platte "Hopelessness" ist der Versuch, ein gesellschaftlich relevantes Kunstwerk zu schaffen, eine klingende Diskussionsgrundlage. Der erste Song etwa kommt als Disconummer daher, glamourös und schwül, aber wenn man auf den Text achtet, wird einem eiskalt. Anohni erzählt aus der Sicht eines afghanischen Mädchens, dessen Familie von amerikanischen Drohnen getötet wurde, und nun steht sie da und bittet: "Drone Bomb Me". Tatsächlich kommt eine Drohne, das Mädchen schaut ins elektrische Auge des Dings und unterhält sich mit dem Soldaten, der es von den USA aus fernsteuert. Im Video singt Naomi Campell den Song, während sie auf einem elektrischen Stuhl sitzt.

Das ganze Album funktioniert so, Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never) und Hudson Mohawke, der sonst für Drake und Kanye West Beats baut, haben es produziert, und über deren glitzernden Elektrosound singt Anohni düstere Texte über Gewalt gegen Frauen, Überwachung, Todesstrafe, Krieg und Obamas enttäuschende Bilanz. Jeder Song sei ein trojanisches Pferd, sagt sie. Sieht gut aus, tut aber weh.

Im Februar war Anohni mit dem Lied "Manta Ray" aus der Umwelt-Doku "Racing Extinction" für einen Oscar nominiert. Man lud sie aber nicht ein, auf der Gala zu singen, man fürchtete, die transsexuelle Künstlerin würde Werbekunden abschrecken. Anohni schrieb daraufhin einen viel diskutierten Essay, in dem sie der US-Unterhaltungsindustrie vorwarf, Stepptänzer heranzuzüchten, die davon ablenken sollten, dass Rom in Flammen stehe.

"Hopelessness" ist widerständiger Pop, das erste Protestalbum des Post-Kapitalismus.

Quelle: RP
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