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Paris
Grandios – Yasmina Rezas neuer Roman

Paris. "Glücklich die Glücklichen" heißt das Buch der französischen Erzählerin und weltweit meistgespielten Dramatikerin. Von Lothar Schröder

Unvoreingenommen kann man das Buch nicht zur Hand nehmen. Denn zu viele andere Geschichten scheinen sich vor den Roman zu schieben: dass Yasmina Reza mit Dominique Strauss-Kahn liiert war. Dass sie Nicolas Sarkozy einst auf seiner Wahlkampfreise begleitet und darüber einen nicht so schmeichelhaften Roman geschrieben hat. Dass sie sich bei ihren Auftritten umwerfend in Szene zu setzen weiß. Vor allem: Dass sie seit Jahren die erfolgreichste Theaterautorin der Welt ist – mit hundertfach inszenierten Stücken wie "Kunst", "Drei Mal Leben" und "Gott des Gemetzels" – ein Drama, das allerdings seit der Polanski-Verfilmung und mit Weltstarbesetzung (Jodie Foster, John C. Reilly, Christoph Waltz und Kate Winslet) als Bühnenstoff mehr oder weniger tot ist. Weil fast jedem Theaterbesucher die Kinobilder partout nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen.

Und jetzt also ein neuer Roman von ihr, der mit nicht einmal 200 Seiten so übersichtlich in seinem Umfang ist wie die meisten ihrer Stücke. Aber dass man Rezas Vorgeschichten schon nach der ersten Episode vergessen hat, liegt schlichtweg daran, dass man mit "Glücklich die Glücklichen" eins der aufregendsten Bücher dieses Frühjahrs in seinen Händen hält.

Ans Theater muss man dennoch denken. Schon deswegen, weil viele der 21 Episoden aus Dialogen bestehen und die 54-jährige Französin eine Meisterin der wörtlichen Rede ist. Um das zu belegen, reichen zwei Sätze einer der kleinen Erzählstücke. Eine Männerrunde findet zusammen, uralte Kumpels. Probleme haben alle mit ihrem Leben. Und Luc erzählt gleich zu Beginn von den Schwierigkeiten mit seiner Tochter. Und so beginnt dann die Geschichte: ,Gestern hab ich Juliette mit der Hundeleine geschlagen', sagte ich. ,Du hast einen Hund?', sagte Lionel." Mit solchen Sätzen werden die Schläge wiederholt, und diesmal ins Gesicht des Lesers.

Das ist einer nur von mehreren Schlägen. Aber man wird von ihren Sätzen auch gestreichelt. Manchmal gar gekitzelt. Yasmina Reza verfügt über eine faszinierend unangestrengte Sprachmacht. Und die stellt sie in den Dienst immerwährender Themen: dem Leben an sich, dem Leben zu zweit, der Liebe, dem Betrug, der Einsamkeit.

Das alles erzählt sie in einem Panoptikum aus Figuren: in 21 Episoden mit 21 Geschichten – Ausschnitte, Begegnungen, oft belangloser Kram, das, was an der Oberfläche des Lebens liegenblieb. Ein paar wenige – wie Robert und Odile Tosacana – dürfen zweimal zu Wort kommen. Mit ihnen beginnt der Reigen auch, und dieser Einstieg hat das Zeug, in die Literaturgeschichte einzugehen oder wenigstens zur Bühnenreife zu gelangen. Wie sich ihr lächerlicher Disput an der Käsetheke darüber, was nun in den Einkaufswagen gehört – Schweizerkäse Morbier oder Schokoriegel für die Kinder – zu einem Ehekrach auswächst, lässt erahnen, dass es vielleicht eine Oberfläche gar nicht gibt. Im Banalen spiegelt sich das Grundlegende und in der kleinen Verletzung das Potenzial zur finalen Kränkung. Vor der Käsetheke wird das Drama inszeniert, wenn Odile ihr Märtyrerkostüm überstreift und Robert über eine "Wesensverengung" nachdenkt, "damit man die Zweisamkeit erträgt".

Überhaupt diese guten Sätze von Yasmina Reza, die alle Alltags- und Liebesszenen wie ein Messer der Erkenntnis durchschneiden. "Jedes Paar ist ein unergründliches Rätsel. Es bleibt unbegreiflich, selbst wenn man ein Teil davon ist", heißt es einmal. Oder: "Es braucht nur wenig, um einen Mann verwundbar aussehen zu lassen." Während eine gewisse Paola Soares schonungslos bekennt: "Wenn ich bei mir zu Hause bin, habe ich Angst davor, dass jemand vorbeikommen und sehen könnte, wie einsam ich bin."

Das alles würde ein gutes Buch ausmachen. Grandios aber wird es dadurch, das Reza alle Figuren der einzelnen Episoden miteinander in Verbindung setzt; mal treffen sie einander im Wartezimmer der Onkologie – "Scheißkrebs" – , während der Arzt wiederum mit anderen Figuren in späteren Erzählungen zusammenkommt. Ein feines Gewebe überspannt dieses Buch, und wer es plötzlich erkennt, liest fortan jede Seite mit geschärfter Aufmerksamkeit. Die meisten Figuren kommen übrigens auf einer Beerdigung zusammen, was für diese mit gelassenem Pessimismus verfasste kleine Menschheitsgeschichte gar nicht untypisch ist. Dass aber selbst der Tote und Betrauerte, Ernest Blot, einige Kapitel früher seinen Auftritt hatte, lässt einen kurzen erstarren. So war es also schon eine Stimme aus dem Jenseits, der wir gelauscht hatten.

Das Theater dient Yasmina Reza nie bloß als Aufführungsort. Theater ist für sie ein Existenz-Zustand; ein Theater, das wir alle permanent spielen, in unterschiedlichen Rollen, mit unterschiedlichen Masken. Das ist zwar keine ganz neue Erkenntnis. Doch so aufdringlich, so bedrückend nah, lebendig und auch betörend unterhaltsam ist uns das selten erzählt worden wie jetzt in "Glücklich die Glücklichen". Ein Meisterwerk, für das jene Charakterisierung zutrifft, mit der man die Faszination auch ihrer Stücke zu greifen versucht – als eine Mischung aus Woody Allen und Botho Strauß. Mit diesem Roman ist das Bücherfrühjahr noch nicht vorbei. Schließlich kann man "Glücklich die Glücklichen"getrost mehrmals lesen.

Quelle: RP
 
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