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Köln
Grandioses Schauspiel in Köln

Köln. "Adams Äpfel" ist großartig inszeniertes und gespieltes Gegenwartstheater. Von Max Florian Kühlem

Nicht jeder Filmstoff ist für die Theaterbühne gemacht. "Adams Äpfel" nach der schwarzen Kinokomödie aus Dänemark ist es unbedingt. Die Inszenierung der schwedischen Regisseurin Therese Willstedt am Schauspiel Köln bewies, dass er sich sogar zu einem ziemlich klassischen Drama formen lässt - mit den aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung und Katharsis, also einer Art Reinigung der Zuschauer-Seele. Er ist voller biblischer Bezüge, eine moderne Variation oder Interpretation von Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies und Hiobs-Geschichte.

In die weite Halle des Mülheimer Depots, das immer noch Interims-Spielstätte des Kölner Stadttheaters ist, hat Bühnenbildnerin Nehle Balkhausen die Andeutung einer Kirche gestellt - ein Skelett, eine Brandruine vielleicht oder ein nie fertig gestellter Rohzustand eines sakralen Baus. Er korrespondiert mit dem seelischen Zustand des Pfarrers Ivan, der hier seine Schäfchen hütet. Seine Gemeinde sind: ein kleptomanischer Alkoholiker, eine schwangere Alkoholikerin, ein Räuber mit arabischen Wurzeln und Faible für Waffen - und Adam, ein aus der Haft entlassener Neonazi, als Neuzugang.

Die Durchgeknalltheit der Schäfchen wird von ihrem Hüter jedoch bei weitem übertroffen - das macht Therese Willstedt von der ersten Szene an klar. Jörg Ratjens Ivan hat etwas Zwanghaftes in allen Zügen seiner Mimik, Gestik und Wortwahl. Er gibt sich als Optimist, versucht eine heile Welt auch über den eigenen tiefen Abgründen aufrechtzuerhalten: Er wurde als Kind missbraucht, seine Frau hat sich umgebracht, sein Kind ist schwerbehindert, er hat einen Hirntumor. Gemeinsam mit dem Arzt Kolberg, der Wahrheit und Aufklärung verpflichtet ist und dafür psychische Kollateralschäden in Kauf nimmt, bringt Adam Ivans Weltbild ins Wanken.

Dass der Zuschauer trotz allen zur Schau gestellten menschlichen Elends erst zu galligen Lachern findet und am Ende fast physische Schmerzen erleidet, wenn die Welt des Pfarrers einstürzt, ist die Kunst dieser Inszenierung. Er erlebt grandioses Schauspieler-Theater. Alle Mitglieder des Abendensembles verkörpern ihre Rollen so grandios, dass ihre psychischen Dispositionen fast greifbar werden. Man fühlt mit ihnen - gerade weil sie Momente der Übertreibung und Ironisierung aufscheinen lassen.

Quelle: RP
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