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Köln
Gregs Tagebuch - der stinknormale Welterfolg

Köln. Jeff Kinneys Graphic Novel Nummer 10 erscheint in 90 Ländern und wird in 48 Sprachen übersetzt. Von Lothar Schröder

An Greg würden wir auf der Straße wahrscheinlich vorbeilaufen. Weil er ein bisschen so ist wie wir alle. Ein echter, stinknormaler Alltagstyp also. Genau das ist seine Besonderheit, Grund seiner grenzenlosen Beliebtheit, seines unfassbaren Erfolgs.

Man läuft schnell in die Gefahr, Comic-Romane nicht richtig ernstzunehmen. Das aber wäre diesmal fatal angesichts einer Weltauflage von 164 Millionen Exemplaren. Jetzt ist "Gregs Tagebuch" Nummer 10 erschienen - in 90 Ländern und in 48 Sprachen übersetzt. Allein in der ersten Woche verkaufte sich der Jubiläumstitel über eine Million mal. Das macht den Autor und Zeichner Jeff Kinney nicht nur zu einem absurd reichen Mann. Das "Time Magazine" notierte ihn überdies auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Vielleicht sollte man auch mit dem 44-Jährigen beginnen, der eigentlich Entwickler und Designer von Onlinespielen ist und der von sich behauptet, weder toll schreiben noch exzellent zeichnen zu können. Das ist für den erfolgreichsten Jugendbuchautor der Welt eine skurrile Selbstaussage. Natürlich steckt dahinter auch eine gute Portion Koketterie, aber nicht nur. Denn tatsächlich atmen die irgendwie hingekritzelten Strichzeichnungen keine Kunst; auch die Sprache von Greg ist so, wie sie für einen Jungen seines Alters ist: eben vorpubertär. Das aber lässt seine Tagebücher auf liniertem Papier echt erscheinen; authentisch würde man etwas feiner sagen. Vielleicht liegt darum im gnadenlosen Abbild von der Welt vor unserer Haustür der Zauber dieser Geschichten.

Damit sind wir auch bei Gregory Heffley angelangt, dem Träumer und Zauderer, der so gerne im Selbstgespräch mit seinem Tagebuch die Wirklichkeit für ziemlich doof hält, seine eigenen Pleiten und Pannen nicht verschweigt, der sich - Hand aufs Herz - zwischen den Zeilen aber eher super findet. Greg, der sich für seine Mutter schämt, weil die durch die Stadt rennt und alle dazu aufruft, elektronische Geräte 48 Stunden lang nicht zu benutzen; der sich aufs Filmcamp freut und dann schnell kapiert, dass dies bloß ein Ort ist, an dem Eltern ihre Kinder billig abgeben können; der vergisst, die Zahnpastatube zuzuschrauben und bei dieser mittelschweren "Katastrophe" auch prompt von Dad erwischt wird; der beim Aufräumtag im Gemeindegarten ausgerechnet den Typen vom Sozialstundentrupp begegnen muss und eine grauenhafte Freizeit auf der "Schweiß-und-Fließ-Farm" verbringt.

Das alles soll nichts Dolles sein? Von wegen. Dazu sollte man lieber Greg befragen oder einfacher in seinem Tagebuch nachlesen, welche Tragödien selbst beim Schälen einer Zitrone lauern. Nicht grundlos heißt das zehnte Werk von Greg auch "So ein Mist", womit die Welt im Großen und Ganzen gemeint ist - nicht mehr, nicht weniger.

"Gregs Tagebuch" wird manchmal mit dem Salinger-Kultroman "Der Fänger im Roggen" verglichen. Das hinkt vorne und hinten. Doch die Werke treffen sich in ihrem Grundton, mit dem sie ganz unprätentiös das Lebensgefühl junger Menschen abbilden - ohne es zu deuten oder zu erklären. Greg erzählt uns wie vor ihm Holden Caulfield einfach nur, wie es sich anfühlt, das Leben inmitten einer Welt der anderen leben zu müssen.

Neben so vielen Verkaufsrekorden sollte ein großer Erfolg nicht verschwiegen werden: "Gregs Tagebücher" sind nämlich bei der lesefaulsten Zielgruppe überhaupt beliebt - bei Jungs zwischen zehn und zwölf Jahren.

Jeff Kinney: "Gregs Tagebuch 10 - So ein Mist!", erschienen im Baumhaus-Verlag, 218 Seiten mit vielen Abbildungen, 14,99 Euro

Quelle: RP
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