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Bochum
Große Kunst unter Tage

Bochum. Das neue Museum in Bochum zeigt künstlerische Weltsichten vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Von Saskia Nothofer

Drohnenkrieg, Umweltzerstörung und Flüchtlinge: Auch aktuelle Themen finden sich in der Ausstellung "Weltsichten - Landschaften in der Kunst seit sechs Jahrhunderten", die von morgen an im Museum unter Tage (MuT) in Bochum gezeigt wird. Unterirdisch liegen die Ausstellungsräume zwar, mit einem Tagebau haben sie aber nichts gemein. Gewählt wurde die Platzierung lediglich, um das Parkgelände, in dem es liegt, vor Bebauung zu schützen. Realisiert wurde das MuT durch die Stiftung Situation Kunst.

Angefangen bei Vorläufern aus dem 15. und 16. Jahrhundert reicht das Spektrum der "Weltsichten" bis in die globalisierte Gegenwart und gibt somit auch Raum für verschiedene Darstellungsformen: vom klassischen Ölgemälde über Fotografien hin zu raumfüllenden Video-Installationen. "Die Sicht auf die Welt hat sich um Laufe der Jahrhunderte gewandelt", sagt Silke von Berswordt-Wallrabe, Vorsitzende der Stiftung Situation Kunst. Zudem zeigten die Werke nicht lediglich beliebige Landschaften. Vielmehr seien sie die Abbildung individueller Perspektiven, die gesellschaftliche Modellvorstellungen ebenso ins Bild brächten wie private Befindlichkeiten oder Sehnsüchte.

Der Besucher wird chronologisch durch die 350 ausgestellten Werke geführt. Zu Beginn macht ein Gemälde des venezianischen Malers Giovanni Bellini aus dem 15. Jahrhundert deutlich, wie die Landschaft sich allmählich zu einem eigenständigen Thema der europäischen Malerei entwickeln konnte. Zwar wird eine biblische Szene gezeigt, dominiert wird das Bild allerdings vom Hintergrund - die Landschaft mit ihren Bergen, Wäldern und Wiesen, welche die Szene umspielen. Im Laufe der Zeit wird genau dieser Hintergrund, die Natur, zum Vordergrund, zum alleinigen Motiv eines Gemäldes; die Handlung dagegen verschwindet.

Erste Beispiele für diese reinen Landschaftsdarstellungen aus dem 16. und 17. Jahrhundert liefern insbesondere niederländische Maler wie Joos de Momper, Lucas van Gassel und Jan van Goyen. Während sich die Künstler zu Beginn noch auf Ideallandschaften beschränken, entwickeln sie nach und nach auch das Selbstbewusstsein, die Realität und damit weniger attraktive Szenen - wie etwas die Arbeit von Bauern auf dem Land oder den Fischfang - abzubilden. Die meist idyllischen und naturalistischen Abbildungen ziehen sich bis ins späte 19. Jahrhundert. Hier findet jedoch ein Umbruch statt, die Kunst beginnt abstrakt zu werden. "Die Landschaft löst sich auf", so Silke von Berswordt-Wallrabe. "Im frühen 20. Jahrhundert sind es Maler wie Picasso, Klee oder Cézanne, die uns Muster und Strukturen vorgeben, die wir erst selbst in Landschaften übersetzen müssen."

Auch die Fotografie gewinnt an Bedeutung. Sie kann die Realität abbilden, wie sie ist und gleichzeitig vorher nie dagewesene Perspektiven aufzeigen. Zudem fügt sie sich in eine Zeit, in der Themen wie Einsamkeit, Entfremdung und Haltlosigkeit angesichts eines von Katastrophen bestimmten Weltgeschehens zu dominanten Inhalten der Kunst werden. Neutrale Landschaften werden nicht mehr abgebildet, die Künstler orientieren sich dafür an gesellschaftlichen Entwicklungen: Ob Erster oder Zweiter Weltkrieg, Spanischer Bürgerkrieg oder Bosnienkrieg - sämtliche menschlichen Gräueltaten werden in den Werken verarbeitet.

In den Werken der Gegenwart zeigt sich schließlich, dass die Formate im Wandel sind. Künstler spielen mit dem Raum. Sie zeigen, dass die heutige Gesellschaft oft einen beschleunigten, eingeschränkten Blick auf die Welt hat. So wird die Realität oft nur durch eine Zug- oder eine Autoscheibe wahrgenommen, ist damit verklärt.

Wie im 20. Jahrhundert ist auch der gegenwärtige Blickwinkel der Kunst kein idealisierter. Landschaft im 21. Jahrhundert bedeutet Abbildung der Realität mit all ihren Grausamkeiten - von der Atombombe über die Drohne bis zum vollständigen Zerfall der Welt.

Quelle: RP
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