| 09.32 Uhr

Krefeld
Gute Noten für Krefelds neuen Kunst-Auftritt

Krefeld. Sechs Jahre war das Kaiser-Wilhelm-Museum geschlossen. Ab Samstag wird es sich neu präsentieren. Wir haben das Angebot getestet. Von Bertram Müller

In kaum einem anderen Kunstmuseum erzählen die versammelten Werke so viele Geschichten wie im sanierten, umgebauten und gründlich aufgeräumten Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld. Das liegt daran, dass das Haus über Jahrzehnte immer wieder Arbeiten aus seinen Ausstellungen erwarb. Und die stammen von Künstlern, die heute vielfach als die bedeutendsten Angehörigen ihrer Zunft gelten, vom Maler Gerhard Richter bis zum Fotografen Andreas Gursky. Wir haben den neuen Auftritt vorab getestet. Sammlung Die Kollektion des Museums umfasst Malerei des Spätmittelalters ebenso wie einen großartigen Monet, Bilder der Düsseldorfer Malerschule ebenso wie angewandte Kunst. Der Schwerpunkt liegt auf Zeitgenössischem seit den 60er Jahren, vorzugsweise auf Werken aus dem Umfeld der Düsseldorfer Akademie. Kernstück ist ein siebenteiliger Komplex von Joseph Beuys, darunter die Installation "Barraque D'Dull Odde", die der Künstler dort selbst einrichtete. Das ist ein Doppelregal mit einer Unmenge Krimskrams, wie man ihn in einem Labor oder einer Werkstatt findet. Nichts durfte während der Sanierung des Museums verändert werden. Deshalb verlegten Präzisionshandwerker den neuen Bodenbelag um die dünnen Füße der Regale herum. Beuys leitete das Wissen, das an seinem Arbeitsplatz entstand, sinnbildlich durch einen Schlauch in den Nebenraum: Aus Chaos wird Form. Das zweite ortsgebundene Werk der Sammlung ist das vierteilige, nach 40 Jahren erstmals wieder freigelegte Wandgemälde "Lebensalter" von Johan Thorn Prikker. Darüber hinaus glänzt die Kollektion durch eine Fülle von Fotografien aus der Düsseldorfer Becher-Schule und durch Picasso, Nolde, Kandinsky, Warhol und Christo. Zahlreiche Erwerbungen gehen auf den mutigen einstigen Direktor Paul Wember (1913-1987) zurück. Er hatte einen Blick für Kunst, die heute zum Kanon zählt.

Präsentation Der demnächst in den Ruhestand wechselnde Direktor von heute, Martin Hentschel, hat zur Wiedereröffnung Teil eins einer auf zwei Teile angelegten Sammlungs-Präsentation zusammengestellt. Alles muss raus aus dem Depot - so muss seine Devise gelautet haben angesichts der Tatsache, dass das Museum derart lange verschlossen war. Verständlich, doch wirken die Säle durchweg überfrachtet. Schon im ersten Schauraum weiß man kaum, wohin man zuerst blicken soll: auf eine Porträt-Serie von Thomas Ruff oder auf Bert Teunissens fesselnden fotografischen Streifzug durch Räume von Menschen, die ohne elektrisches Licht leben. Ein Stockwerk darüber verzehrt sich der Blick zwischen Gerhard Richters "1024 Farben" und Fabian Marcaccios riesigem, grausigem Materialbild "The Lynching of Mary Turner", einer Erinnerung an die Lynchmorde, welche die USA der zehner und 20er Jahre als Volksfeste begingen. Der Makel der Überfülle wird mehr als wettgemacht durch die Dialoge, in die Hentschel zahlreiche Ausstellungsstücke versetzt. Ein Beispiel: Aertgen van Leydens spätmittelalterliche "Anbetung der Heiligen Drei Könige" tritt in Beziehung zu Kiki Smiths "Verkündigung", einer verheißungsvoll die rechte Hand hebenden Aluminiumfigur der deutsch-amerikanischen Künstlerin.

Pädagogik Dieser Begriff klingt zu altbacken für das, was das Museum Kindern und Jugendlichen bietet. Im "Studio 2" kann jeder selbst als Ausstellungsmacher tätig werden, kann die abwaschbaren Wände eines weißen Kubus bemalen, kann durch "Stop-Motion" fotografische Szenen aneinanderreihen und sich selbst darin verewigen. Ein Endlos-Band gibt alles wieder, was Besucher so inszeniert haben.

Funktionalität Sämtliche Räume erschließen sich vom neugestalteten Treppenhaus her. Beim Gang von der Kasse im Erdgeschoss durch die beiden oberen Ausstellungsetagen verliert man leicht die Orientierung, doch das lässt sich unter der Rubrik Charme verbuchen.

Kosten Der Eintritt ist erschwinglich: sieben Euro regulär, drei Euro ermäßigt. Eine Familienkarte für alle Krefelder Museen kostet 50 Euro. Am Eröffnungswochenende (Beginn: Samstag, 16 Uhr) ist der Eintritt in sämtliche Krefelder Museen frei. Ein ausgezeichneter Kurzführer kostet vier Euro, ein immerhin fast 600-seitiger Katalog kostet an der Museumskasse 45 Euro.

Verspätung Das geplante Restaurant des Museums, mit separatem Eingang, wird erst in etwa vier Wochen fertig sein. Wenn's sonst nichts ist!

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Krefeld: Gute Noten für Krefelds neuen Kunst-Auftritt


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.