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Rheinisches Landesmuseum Trier
Gute Seiten, schlechte Seiten

Trier. Im Rheinischen Landesmuseum Trier beleuchtet eine große Ausstellung die Widersprüche des römischen Kaisers Nero. Von Bertram Müller

Gäbe es noch das Orakel von Delphi, würde es der Nero-Ausstellung des Landesmuseums Trier einen Zustrom von mindestens 150.000 Besuchern voraussagen. Großzügig würde das Orakel darüber hinwegsehen, dass Nero, wie es heißt, 500 Statuen aus Delphi geraubt haben soll, um damit eigene Bauten in Rom zu schmücken. Denn er war ein Freund der Künste und besonders des musenseligen Griechenlands.

Erstaunlicherweise hat unser Zeitalter der Blockbuster-Ausstellungen bislang noch keine Nero-Schau hervorgebracht. Wie kann das sein? Marcus Reuter, Chef des Trierer Museums, hat dafür keine Erklärung. Doch erzählt er bereitwillig, wie er auf den Gedanken kam, dass so etwas den Geschmack des Publikums treffen könnte. Denn als Mitarbeiter und am Ende Leiter des LVR-Römer-Museums in Xanten hatte er mit einer kleinen Ausstellung einen großen Erfolg gelandet. "Gefährliches Pflaster - Kriminalität im Römischen Reich" hieß die Schau im Kellergewölbe.

Damals, 2011/12, kamen weitaus mehr als nur die Liebhaber der Antike. "Machen Sie so etwas jedes Jahr!", spornte ihn sein Chef an. Reuter nahm das als Anregung mit nach Trier, als er dort wenig später die Leitung eines der bedeutendsten deutschen Museen zur römischen Antike übernahm.

Nero (37-68) musste es sein - den glaubt jeder zu kennen, doch in Wahrheit kennen Nero die meisten nur von seiner grausamen, nicht von seiner künstlerischen und volksbeglückenden Seite. Das bestätigte sich in einer Umfrage, die Reuter in Trier in Auftrag gegeben hatte. Dann ging es darum, Geld und Leihgeber zu finden. Und jetzt ist eine Ausstellung zu bewundern, die den Erfolg der Schau über Kaiser Konstantin vor neun Jahren noch übertreffen könnte. Sie umfasst fast ausschließlich Originale, ist mit Hilfe elektronischer Mittel noch eindrucksvoller inszeniert und taucht die Besucher in ein Wechselbad der Gefühle: Gute Seiten, schlechte Seiten - sollen wir Nero, den Künstlerkaiser und Muttermörder, den gelehrigen Schüler Senecas und Christenverfolger, nun bewundern oder verachten?

Vor einem Großdia des Forum Romanum beginnt die Ausstellung mit Büsten unter anderem von Caligula, Claudius und Tiberius in Texten und Bildern die Geschichte des Nero zu erzählen: Kaiser Claudius, verheiratet mit der aus Köln stammenden Agrippina, adoptierte deren Sohn Lucius, der fortan Nero hieß, ließ ihn vom Philosophen Seneca ausbilden und beförderte ihn auf die erste Stelle in der Thronfolge. Um Neros künftige Macht zu sichern, vergiftete sie ihren Mann. So stand einem Aufstieg des Jungen zum Kaiser nichts mehr im Wege - außer dem ständigen Misstrauen, das ihm die Oberschicht des Reiches entgegenbrachte und damit auch die Geschichtsschreiber Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Eine gute Presse hatte Nero nicht.

Dabei machte er von vornherein eine gute Figur. Zum Beispiel in einer Marmorstatue aus dem Louvre, die ihn zu Beginn der Ausstellung als 13-Jährigen in einer Toga mit großartigem Faltenwurf zeigt. Im Folgenden berichtet die Ausstellung von den Bauten, die Nero für das Volk schuf, vom Amphitheater auf dem Marsfeld und von seinem Hang zum Luxus. Halsketten aus Bernstein, Glasfläschchen und kunstvolle Schminkkugeln - das war das Ambiente, in dem Nero, verheiratet mit Claudius' Tochter Octavia, sich zu Hause fühlte. Im Laufe des Rundgangs wird man noch auf exquisiten Goldschmuck stoßen. Dass Nero Kunst nicht nur schätzte, sondern sie auch ausführte, daran erinnern Musikinstrumente und Masken. Seine Reise nach Griechenland im Jahr 66, auf der er sich als Künstler bejubeln ließ, weckte allerdings den Spott seiner Zeitgenossen. Bei den Spielen, an denen er teilnahm, hat man ihn stets gewinnen lassen.

Eine erstaunlich gut erhaltene Wandmalerei aus den Jahren 59-79 zeigt blutige Krawalle, die sich 59 bei den Gladiatorenspielen im Amphitheater von Pompeji ereigneten. Heimische Fans gerieten mit denen aus der Nachbarstadt Nuceria aneinander. Darauf verbot Nero für zehn Jahre alle Spiele in der Stadt. Auch so also konnte er sein.

Eines der eindrucksvollsten Kapitel der Schau gilt dem Brand von Rom im Jahr 64. In rotes Licht getaucht, präsentieren sich verbrannte Gefäße, ein verkohlter Wassereimer und eine Leiter, dazu Feuerspritzen aus Bronze und Eisen. Wie Nero die Stadt wieder aufbaute, das erzählt der nächste Saal. Und wie er den Verdacht der Brandstiftung auf die Christen lenkte, damals noch eine kaum bekannte jüdische Sekte, und sie grausam verfolgen ließ, dazu erfährt man dann mehr in einer Ausstellung des Trierer Museums am Dom. Die Wissenschaft sieht Neros Verfolgung der Christen heute eher als schrecklichen Zufall: Er nahm sie als Sündenböcke, und nach römischem Recht mussten sie den Feuertod sterben.

Auch in manch anderer Hinsicht rückt die Ausstellung das ein oder andere in ein relativierendes Licht: Kaiser Nero war ein Tyrann, aber manche Grausamkeit war damals üblich. Nero war wohl nicht schlimmer als seine Vorgänger und Nachfolger.

Noch einmal empfängt Rotlicht den Besucher: Neros Tod steht bevor. Unruhen im Römischen Reich und die Ächtung durch den Senat hatten dazu geführt, dass er sich umbringen lassen musste. Seine Geliebte, eine ehemalige Sklavin, finanzierte rührend seine Bestattung und sein Grabmal. Steininschriften mit seinem Namen - auch das belegt die Ausstellung - wurden weggemeißelt. Erst 300 Jahre später bezeugen Münzen, dass eine neue Generation Nero wieder mochte. Schon zu seinen Lebzeiten hatte das Volk sein Programm "Brot und Spiele" zu schätzen gewusst.

Im Stadtmuseum Simeonstift kann man sich dann auch noch in Erinnerung rufen, wie sich die Nachwelt Nero angeeignet hat: Peter Ustinov im Film "Quo Vadis", der zwar lustig, aber wahrheitswidrig ist. Denn Nero war kein Tölpel. Ja, er war Tyrann und Mörder, aber auch Künstler und Menschenfreund. Diesen Widerspruch muss man aushalten.

Quelle: RP
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