"Vergiftetes Klima": Hein verzichtet auf Intendanz in Berlin
zuletzt aktualisiert: 29.12.2004 - 14:57Berlin (rpo). Eigentlich hatte sich Berlins Kultursenator Thomas Flierl (PDS) vom Engagement Christoph Heins als Intendant am Deutschen Theater in Berlin eine Wiederbelebung des Hauses versprochen. Doch nun machte der Ost-Berliner Schriftsteller Hein überraschend einen Rückzieher.
Der 60-Jährige begründete seine Absage am Mittwoch mit "massiven Vorverurteilungen" seiner Person und einem "vergifteten, feindseligen Klima". Flierl, der sich von Hein den Aufstieg des Theaters in der Reinhardtstraße zur führenden deutsche Bühne erhofft hatte, bedauerte die Entscheidung. Die Opposition wirft dem PDS-Politiker dagegen erneut Versagen vor. Hein sollte die Leitung des Theaters im Herbst 2006 übernehmen, nachdem der Vertrag von Amtsinhaber Bernd Wilms nicht verlängert worden war.
Er sei an einem besonders von den Medien geschürten "geistigen Klima" gescheitert, in dem schon lange vor Amtsantritt über seine Arbeit ein "vernichtendes Resümee" gezogen worden sei, sagte Hein am Mittwoch. Er habe gehofft, dass es ihm 15 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung gelingen würde, das DT "nicht als ein ostdeutsches oder westdeutsches zu führen, sondern als ein deutsches Theater, als ein Theater mit einem hervorragenden Schauspielerensemble".
Aus Sorge um eine mögliche Beschädigung ihrer eigenen künstlerischen Arbeit hätten inzwischen einige Theaterleute ihre Zusage zu einer Zusammenarbeit zurückgezogen. Diese Befürchtungen habe er nicht zerstreuen können, "weil sie durchaus realistisch sind", sagte Hein. Namen wollte er aus Respekt vor den Künstlern nicht nennen.
Neben dem "Mediengewitter" beklagte Hein auch die ablehnende Haltung des "Vereins der Freunde und Förderer des Deutschen Theaters". Sein Gesprächsangebot sei "leider" ausgeschlagen worden. Statt dessen habe der Verein "massiv und öffentlich" gegen ihn Stellung bezogen. Schließlich ließen die aufgrund der angespannten Haushaltslage Berlins unumgänglichen Kürzungen und Einschränkungen es nicht zu, "die Intendanz seriös vorzubereiten und zu beginnen". Er gebe deshalb "aus Sorge um dieses Haus den erteilten Auftrag an den Senat" zurück.
Auseinandersetzungen über ostdeutsche Herkunft
Flierl, der gemeinsam mit Hein am selben Tag eigentlich den bereits ausgehandelten Vertrag unterzeichnen wollte, zollte dem Schritt Respekt. Er habe zwar erwartet, dass die Berufung eines Schriftstellers, Dramatikers und Intellektuellen zum DT-Intendanten Kontroversen auslöse. Die Heftigkeit der Auseinandersetzungen - insbesondere vor dem Hintergrund der ostdeutschen Herkunft Heins - habe ihn jedoch "überrascht und entsetzt", räumte der PDS-Politiker ein. Er habe ausführlich mit Hein gesprochen, der aber "ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr umzustimmen" gewesen sei. Ihn zu bedrängen, habe ihm sein Respekt verboten.
Als "großen Fehler" bezeichnete es Hein, nicht auf sich selbst gehört zu haben. Er habe lange über das Angebot nachgedacht und sei zu der Überzeugung gelangt, dass man es nach 15 Jahren deutscher Einheit versuchen könnte. Zwei Monate lang habe er dann versucht, eine Mannschaft zusammenzustellen. Er habe gehofft, dass sich die "Hysterie" lege. Zudem wolle er rechtzeitig den Weg für einen Nachfolger frei machen, denn spätestens bis zum Sommer 2005 müssten die Verträge unter Dach und Fach sein.
Flierl bescheinigte Hein, sich "mit Enthusiasmus und Elan" auf seine neue Aufgabe vorbereitet zu haben. Eigene Fehler bei der Personalentscheidung bestritt er. Er schätze nach wie vor Heins "künstlerische Kraft, Ausstrahlung und Sensibilität", betonte der PDS-Politiker. Dessen Entscheidung sollte Kritikern Anlass sein, "inne zu halten und nachzudenken".
Der Kultursenator hat inzwischen eine Findungskommission von Kulturpolitikern und Theatermachern aus Ost und West berufen, die ihn bei der Suche nach einem neuen Kandidaten beraten soll. Die Kriterien für die Auswahl wolle das Gremium, das im Januar erstmals zusammenkomme, gemeinsam erarbeiten, betonte Flierl.
Nachdrücklich wies er Spekulationen zurück, wonach die Kommission lediglich eine bereits getroffene Personalie legitimieren soll. Ungeachtet dessen werde es "keine leichte Aufgabe", zumal die Debatte um Hein dabei eine Rolle spielen werde, räumte der Senator ein. Auch über die künstlerische Ausrichtung des Hauses wolle er sich mit der Kommission beraten, kündigte Flierl an. Der Senator fügte hinzu, er habe derzeit "keine Vision für das Deutsche Theater".
Der Rückzug Heins von der Intendanz reiht sich nach Darstellung von Grünen-Kulturexpertin Alice Ströver "nahtlos in die verfehlte Personalpolitik" Flierls ein. Erneut gestalte sich die Suche nach einem geeigneten Kandidaten für eine der renommiertesten Kultureinrichtungen der Stadt zu einer "Provinzposse". Es sei "absurd", dass Flierl bislang kein "transparentes Verfahren" für Personalentscheidungen geschaffen habe.
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