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Himmel und Hölle

Vor 500 Jahren starb der niederländische Maler Hieronymus Bosch. Seine Heimatstadt 's-Hertogenbosch bietet jetzt einen grandiosen Überblick über sein fantasiedurchwirktes, tief religiöses Lebenswerk. Von Bertram Müller

Punktstrahler erhellen die Bilder in abgedunkelten Sälen und lassen sie leuchten, als seien es Großdias. Hieronymus Bosch - der um 1450 im niederländischen 's-Hertogenbosch geborene und dort vor 500 Jahren gestorbene große Maler des späten Mittelalters - hat seine eigene Kunst wohl kaum so erlebt, wie sie jetzt das Noordbrabants Museum seiner Heimatstadt inszeniert.

Schon allein die Farben überwältigen, und nicht selten werden sich die Betrachter fragen, ob da nicht Elektronik im Spiel war und das eine oder andere Detail per Photoshop geschärft hat.

Nein, es ist alles echt, und die Brillanz der Bilder geht im Zweifelsfall auch auf eine Fülle von Restaurierungen zurück, die dem internationalen Bosch Research and Conservation Project zu verdanken sind. Über manchen Motiven ist die Sonne aufgegangen: Der Staub von Jahrhunderten, der manche Szene getrübt hatte, ist einer freundlichen Stimmung gewichen, und in zwei Fällen hat die Wissenschaft mit ihrem Instrumentarium von der Infrarot-Durchleuchtung bis zur digitalen Makrofotografie sogar zwei Entdeckungen gemacht: Das Gemälde "Die Versuchung des heiligen Antonius" aus dem Nelson-Atkins-Museums in Kansas City und eine gezeichnete "Höllenlandschaft" aus einer belgischen Privatsammlung gelten fortan als Werke von Bosch. Die Ausstellung adelt sie, indem sie ihnen Raum gibt und den Antonius aus den Vereinigten Staaten unmittelbar neben das eigene Antonius-Porträt rückt.

Den Höhe- und Mittelpunkt markiert das "Heuwagen-Triptychon" aus dem Prado in Madrid. Blickfang ist der auf dieser Seite abgebildete Wagen auf der Mitteltafel - Symbol der Güter der Welt, den tierhafte Dämonen nach rechts ziehen, zur Tafel der Hölle.

Ein ausgelassener Reigen umkreist das hohe Gefährt. Auf dem Heu sitzen Sünder beiderlei Geschlechts (Wollust), von einer Eule (menschliche Blindheit) beobachtet und von einem Dämon mit Pfauenschwanz (Eitelkeit) angestachelt. Aus einem Gebüsch ragt ein Teufelskrug, dem ein betender Engel gegenübersteht. Dessen Blick richtet sich auf den in den Wolken erscheinenden Christus.

Eine der Quellen des Heuwagenmotivs könnte ein niederländisches Sprichwort sein: "Die Welt gleicht einem Wagen voll Heu; jeder hascht davon, so viel er kann."

Hieronymus Bosch ist bekannt durch seine Vogel- und Fischmenschen, seine Monster und Ungeheuer. Doch wer sich in die 20 Gemälde und 19 Zeichnungen der Ausstellung vertieft, die von Bosch selbst stammen und angereichert sind durch Werke seiner Nachfolger, wird feststellen, dass der Künstler in den meisten seiner Kompositionen ohne die grotesken Gestalten auskam.

Ohnehin wird Boschs Rolle als deren Erfinder überschätzt. Er schöpfte sein Personal aus zeitgenössischen Tierkundebüchern und brauchte seinen Blick nur einmal über die Kirchenfassaden Brabants schweifen zu lassen, um Vorlagen für seine Bilder zu sammeln. An der St.-Jans-Kathedrale in 's-Hertogenbosch, nur ein paar Schritte vom Museum entfernt, kann man sich noch heute an langgestreckten Zwitterwesen erfreuen, mit denen Steinmetze ihre Arbeit krönten.

Typischer als die Grotesken sind für Bosch jene Gemälde, welche die Abteilung "Heilige" umfasst: Bildnisse seines Namensvetters Hieronymus beim Gebet sowie des Christophorus und jene beiden Versionen des Antonius. Ihnen allerdings hat er ein paar äußerst bizarre Gestalten beigegeben wie beispielsweise jenes Männlein, dessen Oberkörper aus einem umgedrehten Trichter besteht.

Man sollte derlei Gestalten nicht als komisches Zubehör missverstehen. Bosch, der durch seine Heirat mit einer Patriziertochter unabhängig war und sich die Freiheit nahm, in eine Sekte einzutreten, ließ alle seine Bilder aus einem starken moralischen Impuls erwachsen.

Das Ziel dieser sogenannten Adamiten war ein irdisches Paradies, in dem es keine Sünde geben konnte. Die bunte Nacktheit auf dem Mittelteil des berühmten "Gartens der Lüste" bedeutet also keine Anklage, sondern sie spiegelt ein Paradies auf Erden, in dem die Nacktheit jenseits aller Sünde liegt.

Wie schon bei der Rotterdamer Bosch-Ausstellung des Jahres 2001 ist der "Garten der Lüste" auch diesmal nicht in die Niederlande ausgeliehen worden. Wer ihn erleben will, muss sich Ende Mai nach Madrid begeben, in den Prado, wo dann eine womöglich noch größere Ausstellung zu Boschs Todestag beginnt. Doch man sollte die Schau in 's-Hertogenbosch auf keinen Fall kleinreden. Es ist schon erstaunlich, was das kleine Noordbrabants Museum an Leihgaben an Land gezogen und dem eigenen Besitz an die Seite gestellt hat.

Der berühmte rätselhafte "Landstreicher" mit dem ebenmäßigen Gesicht und der langen Nase begegnet dem Besucher nicht nur in der Fassung des Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam, sondern auch auf mehreren anderen Tafeln. "Der Tod eines Geizhalses" wird das Publikum ebenso in Bann ziehen wie "Steinschneiden", "Das Narrenschiff", "Ecce Homo" oder "Das Jüngste Gericht".

In Räumen, die noch dunkler sind als die Gemäldesäle, gewährt Bosch Einblick in seine Arbeitsweise. Seine lichtempfindlichen Zeichnungen zeugen davon, wie er das Figurenarsenal für seine Gemälde entwarf. Eines dieser Blätter gilt allein der Darstellung von Menschen mit Krücken. Überall offenbart sich, dass der oft für die Moderne vereinnahmte Hieronymus Bosch noch ganz ein Mensch des Mittelalters war. Die Hölle, die auf der rechten Tafel des "Heuwagens" lodert, war für ihn noch Wirklichkeit, ebenso das Paradies zur Linken. Den Betrachtern wollte er vermitteln, dass jeder Mensch selbst für sein Seelenheil verantwortlich sei, in Demut vor Gott. Vielleicht deshalb wollte Salvador Dalí, der selbstherrliche Surrealist, von Bosch nichts wissen.

Hieronymus Bosch. Visionen eines Genies, 192 Seiten, Belser Verlag, 24,99 Euro

 

Quelle: RP
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