| 08.49 Uhr

Eine Frage Des Stils
Hut ab, Kappe ab!

Leser Paul F. fragt: "Wer ist stillos: der Patient, der mit aufgesetzter Kappe das Arzt-Zimmer betritt, oder der Arzt, der ihn gewähren lässt und nicht die Aufforderung ausspricht, die Mütze abzunehmen?"

Beim Betrachten alter Fotos staunt man: Hüte, wohin das Auge blickt. Bis in die 1960er Jahre verließen Männer das Haus nur behütet. An der Garderobe gab es eine Hutablage, im Auto hat sich diese Bezeichnung für den Bereich hinter den Rücksitzen gehalten, obwohl sich dort heute ebenso wenig Hüte finden wie Handschuhe im Handschuhfach. Hüte sahen nicht nur elegant aus. Schiebermütze, Fedora, Kreissäge oder Zylinder signalisierten stets auch den sozialen Status ihrer Träger.

Das ist so alt wie der sprichwörtliche Hut. Spätestens mit der Generation der '68er verschwand die traditionelle Kopfbedeckung. Was folgte, war nicht besonders originell: der Siegeszug der Baseballcap. Seit den achtziger Jahren liegt das Teil aus Amerika im Trend, bei jungen Nerds ebenso wie bei alten Zauseln, bei Millionären wie bei Stallburschen. Da die Sonne in unseren Breiten selten sengt, darf man über die Funktion der Kappe mit dem ausladenden Schirm rätseln. Den einen mag sie als Oberflächenvergrößerung ihres Egos dienen. Andere wollen damit vielleicht ihr Aussehen oder Defizite bei der Körperpflege kaschieren.

Wie auch immer: Beim Betreten von geschlossenen Räumen gehört es sich, die Kappe abzunehmen. Das war und bleibt eine Geste der Höflichkeit und des Respekts, die dem inzwischen ins Unermessliche gesteigerten Bedürfnis nach Coolness keinen Abbruch täte. Die Tradition des Hutabnehmens wurzelt in der ursprünglichen Bedeutung der Kopfbedeckung als Zeichen der Herrschaft und Ehre. In der Kirche nahmen Männer ihre Hüte ab, weil die höchste Ehre nun einmal Gott gebührt. Die gleiche Demutsbezeichnung betraf den Tod: beim Ableben von Menschen oder beim Anblick von Leichenzügen entblößte Mann sein Haupt. Daraus entwickelte sich das Ritual, beim Grüßen den Hut zu ziehen oder beim Abspielen der Nationalhymne. Hut ab - damit wird immer noch Anerkennung zum Ausdruck gebracht.

Hut ab denn auch vor dem Arzt, der einen Patienten mit aufgesetzter Kappe augenzwinkernd fragt, ob dieser sich womöglich am Kopfe verkühlt hat. Oder ob das Wartezimmer nicht ausreichend beheizt wurde. Mitmenschen mit freundlichem Humor zu begegnen, hat bedeutend mehr Stil, als sie zu schulmeistern.

Ihre Fragen? Bitte unter "Eine Frage des Stils" an kultur@rheinische-post.de

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Eine Frage Des Stils: Hut ab, Kappe ab!


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.