| 09.11 Uhr

Ich bin beleidigt, also bin ich

Ich bin beleidigt, also bin ich
Coolness war gestern, heute erleben wir die Renaissance des Plärrens, Heulens, Schmollens. FOTO: Zörner
Wir brauchen keine Leitkultur, sondern mehr Trennschärfe bei dem, was laut Grund- und anderen Gesetzen zu tolerieren ist und was nicht. Die momentan so angesagte Überempfindlichkeit führt nur zu einer Spirale der Abgrenzung - bis jeder gegen jeden steht. Von Tobias Jochheim

Anthony Yeboah hätte allen Grund gehabt, beleidigt zu sein. Der in Ghana geborene Fußballer, damals der beste Stürmer der Bundesliga, wurde 1992 von einem "Spiegel"-Reporter gefragt: "Sie reden oft von Leistung, fahren einen BMW, wohnen im Reihenhaus mit Schrankwand und Vorgarten. Ist Ihnen bewußt, dass Sie wie ein deutscher Musterbürger wirken?"

Da steckt eine Menge drin, nicht zuletzt die naheliegende Implikation, wie ein deutscher Musterbürger zu "wirken", sei das Maximum für einen dunkelhäutigen Mann. Yeboah aber blieb cool und fragte nur süffisant zurück: "Soll ich ein Lagerfeuer im Wohnzimmer machen?"

Ein Vierteljahrhundert später ist eine solche souveräne Antwort fast unvorstellbar geworden. Dauererregung ist Trumpf. Immer fühlt sich irgendwo irgendjemand angegriffen, in seinen religiösen oder sonstigen Gefühlen verletzt, gekränkt, kurz: beleidigt. Linke und Rechte, Arme und Reiche, Alte und Junge, Männer und Frauen, Muslime, Christen und Atheisten, Vegetarier und Fleischesser, Fans von Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayern München - alle gerieren sich gern als Opfer, in der Hoffnung auf Aufmerksamkeit und Blankoschecks für die fälligen Gegenangriffe.

Nicht nur Minderheiten, auch Vertreter der tendenziell schrumpfenden Mehrheiten reklamieren immer öfter Foulspiel, während sie begehen, was im Fußball "Schwalbe" heißt: vorzutäuschen, getroffen und verletzt worden zu sein. Rund 45 Prozent der Republikaner in den USA sind fest davon überzeugt, dass hellhäutige oder christliche Menschen häufig diskriminiert würden. Gefühlte Wahrheit trumpft jeden Fakt, das Einreiseverbot für viele Muslime, die zahllosen von der Polizei erschossenen Afroamerikaner.

Einsichten übers Beleidigen und Beleidigtsein

Ausgeteilt wird immer kräftiger, eingesteckt nur noch unter Geheul - ganz nach dem Vorbild der wehleidigen Ober-Mimosen Recep Tayyip Erdogan oder Donald Trump, der Kritiker pauschal als Lügner diskreditiert, während er selbst allein in den ersten 100 Tagen als US-Präsident 488 Mal nachweislich log.

Coolness war gestern, heute erleben wir die Renaissance des Plärrens, Heulens, Schmollens. Alle Welt pocht nicht nur auf ein Recht aufs Beleidigtsein (das es natürlich gibt), sondern leitet auch munter allerlei Ansprüche daraus ab (die es natürlich nicht gibt). Das kann nicht mehr lange gutgehen.

Von allein enden das Gezänk und das Gegeneinanderabgrenzen nie, schließlich ist der nächste Streitpunkt immer schnell gefunden.

Die Gruppen derjenigen, die sich in wirklich allem einig sind, sind winzig, schon wegen der ganz individuellen Widersprüchlichkeiten in unserer eigenen Weltanschauung.

Machten wir weiter wie bisher, unsere hyper-polarisierte Gesellschaft zerfiele schon bald in einen Flickenteppich aus ideologischen Mini-Herzogtümern mit ein, zwei oder drei Vertretern: homosexuelle Spitzenpolitiker erzkonservativer Parteien mit Wohnsitz im Ausland hier, Umweltfreunde, denen Biogasanlagen stinken, da, Fleischer, die kein Blut sehen können, dort. Und so weiter und so weiter. Und dazwischen Schlagbäume, Mauern, Burggräben, über die hinweg nicht gesprochen wird, nur geschrieen.

Zeit für die Erinnerung an eine Selbstverständlichkeit: Es gibt kein Recht darauf, verstanden oder gar gemocht zu werden. So schade das ist. Im Gegenzug muss man aber auch selbst niemanden verstehen oder mögen.

Dass andere allerdings anders denken, glauben, fühlen, lieben oder sich anders kleiden als man selbst, muss man indes sehr wohl anerkennen. Nicht länger, aber eben auch nicht kürzer als bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Worte und Taten dieser ,anderen' justiziabel werden. Diese Koexistenz, das Aushalten des Andersseins aller anderen ist anstrengend, aber auch buchstäblich alternativlos.

Sigmar Gabriel hat einmal treffend formuliert, es gebe "ein demokratisches Recht darauf, rechts zu sein oder deutschnational. Sogar ein Recht, Dummheiten zu verbreiten wie die angebliche Islamisierung Deutschlands."

Dieses Recht, diese Freiheit ist direkte Folge der Unschuldsvermutung, und die gilt universell, für strenggläubige Muslime und Islamkritiker, AfD-ler und Grüne und alle dazwischen. Eben nicht nur für Musterbürger oder jene, die sich dafür halten, sondern auch für "Gefährder" aller Art.

Wir brauchen mehr Trennschärfe zwischen dem, was hinzunehmen, auszuhalten, zu tolerieren ist (und sei es zähneknirschend, mit der Faust in der Tasche) - und dem ganzen Rest. Aber dafür muss man nichts neu definieren, denn die wichtigsten Regeln sind eben nicht ungeschrieben. Was zu tolerieren ist und was nicht, steht, wie in jedem Rechtsstaat, in der Verfassung sowie den diversen weiteren Gesetzeswerken.

Dass "wir nicht Burka sind", wie Thomas de Maizière sich ausdrückt, ist längst geklärt in Paragraf 17a Absatz 2 des Versammlungsgesetzes. Dort steht auch, dass "wir" nicht Sturmhaube "sind", die Gesichtsmütze, mit der sich politische Extremisten aller Art, Hooligans und Bankräuber gern vermummen.

Die wichtigsten Fragen unseres Zusammenlebens sind klar beantwortet: Wer sich volksverhetzend oder auch ehrverletzend äußert, online oder offline, gehört angezeigt, wer gewalttätig wird, erst recht. Egal ob gegen Flüchtlinge oder Rechte, Polizisten oder Punks, Politiker oder Plakatkleber von der Linken oder der AfD. Wer das NS-Regime verharmlost oder verherrlicht, gehört verurteilt nach den Gesetzen, die es mit gutem Recht eigens dafür gibt.

Alles andere ist Meinung, die niemand gutheißen, aber jeder erdulden, ertragen muss. Die Meinungsfreiheit hat Grenzen, das ist gut so, aber diese Grenzen sind recht weit gezogen, und auch das ist gut so.

Doch wie nun umgehen mit dem, was uns nicht passt, aber nicht illegal ist? Mit Kritik natürlich, an der dann wiederum Kritik geübt werden darf, in Form von Debatten also. Und mit einem dicken Fell, getreu dem Motto von Klaus Kinski: "Wer mich beleidigt, bestimme ich!"

Im "Lagerfeuer"-Interview wurde Anthony Yeboah auch gefragt, ob er bei seinem Ex-Verein Saarbrücken Vorurteilen ausgesetzt gewesen sei. Trockene Antwort: "Es waren die, die immer gegen Afrikaner vorgebracht werden: Der Schwarze ist undiszipliniert, verträgt den Winter nicht und hat Malaria." Die Frage hatte sich deshalb aufgedrängt, weil Saarbrückens damaliger Trainer Klaus Schlappner war, ein Mann, der einmal für die NPD zu einer Kommunalwahl angetreten war. Der Reporter erwähnte das nicht, vielleicht aus Versehen, vielleicht war die Formulierung, Schlappner sei "einer, der deutsche Tugenden predigt", salopp bis zum Affront.

Dass Yeboah unzählige Male mit Affenlauten und Bananenwürfen traktiert wurde, ertrug er mit beeindruckender Contenance. Zu einem deutschen Musterbürger fehlt ihm vielleicht vor allem eins: der Hang zum Beleidigtsein in einem Land, in dem bei jedem "Kann nicht klagen" etwas Enttäuschung mitschwingt.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Ich bin beleidigt, also bin ich


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.