| 08.10 Uhr

Andreas Gursky
"Ich bin ein Chronist meiner Zeit"

Der Fotokünstler sieht sich in der Tradition seiner Lehrer. Und hat wieder Sehnsucht nach dem Analogen.

Wie fand die Musik zur Kunst?

Gursky Meine hohe Affinität zu Techno ist bekannt. Ich hatte immer schon überlegt, Sounds in eine Ausstellung zu bringen. Doch wir wollten auf keinen Fall, dass die Musik in Konkurrenz zu den Bildern tritt.

Ergänzt der Sound eher Ihre Kunst?

Gursky Vor meinem "Rhein" stehend, glaubt man, Schiffe aus der Ferne zu hören, eine Art sphärisches Raunen. Die Techno-Strukturen lassen sich - simpel formuliert - aus einer Mischung beschreiben von ,wenn die Platte springt und deutscher Marschmusik'. Genau das finden Sie in meinen Bildern wieder. Das gebetsmühlenartige Repetieren von gleichen visuellen Elementen. Analog läuft das in der Musik ab.

Dröhnt die Musik das Bild nicht zu?

Gursky Ich hab zu DJ Richie Hawtin gesagt, das soll nicht als Untermalung der Bilder konzipiert werden. Er hat dezent gearbeitet, es funktioniert gut. So kann ich mir vorstellen, dass unsere Zusammenarbeit weitergeht, dass wir mehr wagen.

Sie brechen immer stärker aus der traditionellen Fotografie aus, lassen alle hinter sich. Entspringt Ihre Kraft der Unruhe - oder eher der Ruhe?

Gursky Ich habe schon eine politische Haltung, aber die soll in meinen Arbeiten nicht eins zu eins sichtbar werden. Ich bin Traditionalist, unter der Becher-Ägide großgeworden. Die haben sich auch nicht eindeutig politisch geäußert, sondern als Chronisten ihrer Zeit verstanden. So sehe ich mich auch.

Welche Schlüsse zieht man daraus?

Gursky Gerade "Amazon" ist ein zeitdiagnostisches Bild und eine Zustandsbeschreibung, die von 2016 datiert. Man kann alles studieren in diesem Bild, was uns gesellschaftlich umgibt und beeinflusst. In dieser Aufnahme sind 15 Millionen Objekte erfasst.

Sie betonen immer, dass Sie kein Maler sind. Sind Sie aber ein Poet?

Gursky Ich hoffe schon. Bei dem "Les Mées" zum Beispiel geht es mir nicht um die nüchterne Wiedergabe eines Solarfeldes in Südfrankreich, sondern da ist ja die alte, wenn man so will, romantische Welt noch sichtbar im Hintergrund. Und im Vordergrund ist eine Landschaft der Neuzeit angelegt. Beides ist da. Dass ich mich nicht für ein Solarfeld in Marokko entschieden habe, das großflächig ausgebreitet ist, erscheint nachvollziehbar. An "Les Mées" ist die Verzahnung so wichtig.

Ist das Bild eigentlich eine Montage?

Gursky Nein. Wenn ich vor Ort ein Foto machte, dann käme dieses Motiv heraus. Der Kunstgriff, den ich anwende, um ein Bild flächiger zu machen, ist, dass ich den Vordergrund immer etwas verkleinere und den Hintergrund näher heranhole. Dadurch wird das Bild auch malerischer. Das ist genau das Gegenteil von dem, was ein "Stern"-Fotograf macht. Da werden die Paneele vorne riesig groß, und der Hintergrund ist gar nicht mehr sichtbar. Ich muss das mal sagen: Die "Stern"-Fotografie hat mich nie inspiriert.

Sie betreiben einen unglaublichen Aufwand mit Reisen, Genehmigungen, Equipment. Wird Ihnen manchmal nicht alles zu viel?

Gursky Ìch bin an einem Punkt, an dem ich mich danach sehne, mal wieder analoge Fotos zu erstellen.

ANNETTE BOSETTI FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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