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Lars Eidinger im Interview
"Ich freue mich nicht auf Weihnachten"

Lars Eidinger im Interview: "Ich freue mich nicht auf Weihnachten"
FOTO: dpa Eventpress Schraps
Am Momntag ist der selbst ernannte "beste Schauspieler der Welt" in "Familienfest" - dem ZDF-Fernsehfilm der Woche - zu sehen. Ein Interview.

Wenn Sie - wie auch die Hauptfigur ihres Films - nur noch wenige Tage zu leben hätten, wie würden Sie diese verbringen?

Eidinger In dem Moment, in dem man eine tödliche Diagnose erhält, wird einem die Lebensfreude, unser Antrieb, genommen. Deshalb weiß ich nicht, ob man dann überhaupt noch auf etwas Lust verspürt, zum Beispiel noch mal ans Meer will, wie in so vielen Filmen suggeriert wird. Der Tod ist etwas, das unsere Vorstellung übersteigt. Ich könnte mir denken, dass ich mich an diesem Tag einfach ins Bett legen würde.

Würden Sie etwa bei einer Krebsdiagnose alles dafür tun, um weiterleben zu können?

Eidinger Ich war gerade noch konfrontiert mit der Geschichte eines Bekannten, bei dem ein Gehirntumor festgestellt wurde und der sich gegen eine Chemotherapie entschieden hat. Damit hat er statt bis zu zwei Jahren nur noch wenige Woche gelebt. Das fand ich beeindruckend, weil ich immer dachte, dass man sich an jeden Tag klammert, das Leben um jeden Preis verlängern will. Doch das scheint nicht unbedingt so zu sein. Ich bin mindestens genauso fasziniert vom Tod wie vom Leben. Wir wissen nicht, was danach kommt, und haben uns mit dieser Ungewissheit arrangiert.

Gäbe es denn auch etwas, das für Sie in einer knapp bemessenen Zeit Verschwendung wäre?

Eidinger Unaufrichtigkeit. Ich versuche, immer ehrlich zu sein, egal ob privat oder beruflich. Nicht nur, weil ich die anderen nicht belügen will, vor allem weil ich mich selbst nicht belügen will. Eine Lüge zu leben, ist verlorene Zeit.

Das heißt, wenn Sie jemand fragt, ob es Ihnen gutgeht, würden Sie nicht einfach leichtfertig Ja sagen?

Eidinger Ich würde sagen, wie es mir wirklich geht und nicht mit einer oberflächlichen Floskel antworten. Aber wenn man todkrank ist, glaube ich, versucht man das Umfeld zu schonen, damit es sich nicht zu große Sorgen macht. Man möchte nicht, dass einem nur mit dem Vorzeichen ,der ist krank' begegnet wird. Die meisten tun sich wahnsinnig schwer im Umgang mit Todkranken. Und deshalb glaube ich, halten manche ihre Diagnose geheim.

Feiern Sie gerne Weihnachten?

Eidinger Ich freue mich nicht auf Weihnachten. Als Kind habe ich das geliebt, diesen Zauber, das Geheimnis, die Geschenke. Mittlerweile habe ich ein Problem damit, dass es eine verordnete Freude ist. Man wird zur Harmonie gezwungen, die es gar nicht gibt. Es verbietet sich, schlechte Laune zu haben. Man muss den anderen etwas vorspielen.

Gilt das auch für Geburtstage?

Eidinger Manchmal habe ich mich so auf meinen Geburtstag gefreut, dass ich dann sehr enttäuscht war, wenn Anrufe ausblieben oder ich bestimmte Geschenke nicht bekam. Bis man das Ganze eines Tages durchschaut. Dann kann man sich diesen Mechanismen entziehen. Als wir klein waren, hatten wir alle Sehnsüchte, waren voller Ideale. Im Leben stellt man dann häufig fest, dass man merkwürdig unbefriedigt bleibt. Der Geburtstag ist eine Metapher fürs Leben.

Haben Sie schon schreckliche Familienfeste erlebt?

Eidinger Bei unseren Familienfesten hat es noch nicht richtig geknallt, jeder ist in seiner Rolle. Dabei würde ich mir wünschen, dass es mal eskaliert!

Sie sind inzwischen selbst Vater, haben Sie für Ihr Kind auch einen Buchsbaum gepflanzt?

Eidinger Am Anfang haben wir Striche an die Tür gemacht. Ich fand faszinierend zu sehen, wie schnell das Kind wächst. In der Wohnung wohnen wir nicht mehr. Aber einen Baum habe ich noch nicht gepflanzt.

Die drei Söhne nennen Ihren Vater im Film ein ,Arschloch'. Haben Sie Angst davor, dass Ihre Erziehung auch schiefgehen könnte und Sie ein schlechter Vater sind?

Eidinger Man glaubt immer, dass man anders ist, sich von den Fehlern der eigenen Eltern emanzipiert hat. Dann erlebt man, dass das Kind genauso gegen einen rebelliert wie man selbst früher. Das hat weniger damit zu tun, wie sich die Eltern verhalten haben, sondern hat eine gewisse Zwangsläufigkeit und ist wichtig für die Entwicklung des Individuums. Man kapiert, dass die Eltern vieles nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Unfähigkeit gemacht haben, das versuche ich zu reflektieren und meiner Tochter ein anderes Gefühl zu geben.

Im Film werden wertvolle Partituren aus Wut vor dem Sohn verbrannt. Haben Sie mal etwas Ähnliches gemacht, um jemandem wehzutun?

Eidinger Bei mir ist es immer bei Fantasien geblieben.

Sie spielen oft extreme Rollen - Nackte zum Beispiel. Was ist überhaupt noch ein Skandal auf der Bühne?

Eidinger Ich will gar keinen Skandal auslösen! Das Gegenteil ist der Fall. Wenn man sich auf der Bühne auszieht, dann geht es um eine Form von Verführung. Ich will die Zuschauer nicht provozieren und vor den Kopf stoßen, sondern, dass sie mir folgen. Ich wundere mich, wenn über mich geschrieben wird, das ist der Schauspieler, der immer nackt auf der Bühne ist. Denn das stimmt so auch nicht. Zum letzten Mal war ich 2006 in "Ein Sommernachtstraum" nackt auf der Bühne.

Sie sagen von sich, dass Sie der beste Schauspieler sind. Woher nehmen Sie Ihr Selbstbewusstsein?

Eidinger Das erklärt sich schon in der Formulierung ,Ich bin der beste Schauspieler der Welt'. Eine Form von Hybris, eine völlige Selbstüberschätzung. Kein Mensch mit mehr als zwei Gehirnzellen würde das ja von sich behaupten. Es ist eine Gegenbewegung zur üblichen Koketterie von Schauspielern, die über falsche Bescheidenheit um Bestätigung buhlen, weil sie unsicher sind. Als Theaterschauspieler ist man jeden Tag mit den Reaktionen der Zuschauer konfrontiert und sollte darüber ein Wirkungsbewusstsein entwickeln. Der Umstand, dass Zuschauer mir konzentriert zuhören, mitfühlen und die Art, wie sie auf mich reagieren und am Ende applaudieren, speist mein Selbstbewusstsein. Das ist im Grunde das eigentliche Motiv, diesen Beruf überhaupt auszuüben.

Käme ein Leben ohne Theater für Sie infrage?

Eidinger Das habe ich eine Zeitlang gedacht, als Film und Fernsehen noch neu für mich waren; aber ich merke, dass ich am Tag nach einer Theateraufführung am befriedigtsten bin - mehr als nach einem Drehtag.

An der Schaubühne spielen Sie aktuell in "Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch". Sind Ihnen Ein-Personen-Stücke die liebsten?

Eidinger Ich finde es interessant zu sehen, wie man ohne Mitspieler funktioniert. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass erst das Partnerspiel einen Schauspieler zu Höchstleistungen befähigt.

Wer war denn bislang Ihre aufregendste Partnerin im Film oder auf der Bühne?

Eidinger Kristen Stewart war für mich eine Erleuchtung. Wir sind zwar beide Schauspieler, aber sie lebt als Hollywoodstar ein ganz anderes Leben. Das, was wir machen, hat nicht viel miteinander zu tun: Wir kochen mit Wasser und die US-Amerikaner mit Pepsi. Was mich an der Begegnung am meisten beeindruckt hat: Sie ist in jedem Moment authentisch. Man denkt, Schauspielerei habe etwas mit Verstellung oder gar Lügen zu tun, aber das Gegenteil ist der Fall. Es geht darum, aufrichtig zu sein. Der Situation, dem Partner, dem Zuschauer und sich selbst gegenüber. Bei ihr wirkt nichts forciert oder gestaltet. Das entspricht meinem Ideal.

Bei "Hamlet" sollten die Zuschauer wissen, dass sie mindestens drei Stunden durchhalten müssen. Trotzdem schlafen jedes Mal einige ein. Werden Sie da nach wie vor sauer?

Eidinger Dass jemand irgendwann einschläft, weil ihm langweilig wird, kann man ihm nicht übelnehmen. Aber jetzt ist es mir passiert, dass ein Zuschauer von Anfang an geschlafen hat! Ich habe dann unterbrochen und gesagt: ,Ich kann mich nicht konzentrieren. Dieser Zuschauer schläft die ganze Zeit.' Dann ist er aufgewacht, und ich habe ihn gefragt, ob er einen harten Tag hatte und ich ihm irgendwas bringen soll. Einen Kaffee oder so. Er meinte: ,Nein, alles gut'. Dann habe ich weitergespielt, bis zu dem Moment, in dem sich Richard bei allen Lords entschuldigt und sich mit allen, denen er Unrecht getan hat, versöhnt. Dann habe ich gesagt: ,Tut mir leid, dass ich Sie hier so vorgeführt habe, es kann ja sein, dass Sie einen harten Tag hatten. Was arbeiten Sie denn?'. Daraufhin er: Konzentrier Du Dich mal auf Dein Spiel. Alle haben gelacht. Mir fiel nichts mehr ein. Später hat er mich per Mail angeschrieben: Er habe ja mitgespielt, ob ihm eine Gage zustehen würde. Das war Martin Lindner. (War Spitzenkandidat der Berliner FDP; Anm. der Red.)

Und wie haben Sie reagiert?

Eidinger Ein Schauspielkollege meinte: ,Frag doch mal nach seiner Kontonummer und überweise ihm 50 Cent'. Vielleicht mach ich das!

Sie spielten zweimal im Borowski-"Tatort" den Bösewicht - und haben Eindruck hinterlassen. Werden Sie in den "Tatort" zurückkehren?

Eidinger Sofort! Ich liebe den "Tatort" und warte auf eine Anfrage. Aber ich weiß nicht, ob ich in einem dritten Teil noch mal Kai Korthals spielen würde. Da muss das Drehbuch schon extrem gut sein.

Vielleicht in einem ganz anderen Fall oder Team - Hauptsache Psychopath oder Killer?

Eidinger Absolut! (lacht)

LESLIE BROOK FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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