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Ingvild Goetz
"Ich überlege, Werke im Ausland zu lagern"

Eine von Deutschlands größten Privatsammlerinnen fürchtet sich vor den Auswirkungen des neuen Kulturgutschutzgesetzes. Von Britta Schultejans

Ingvild Goetz (75) besitzt eine der größten privaten Kunstsammlungen in Deutschland. Doch längst nicht alles gefällt ihr derzeit am Kunstmarkt. Im Interview erzählt sie , wie es zu ihrer Sammlung kam - und was Margarine- und Zigarettenpackungen damit zu tun haben. Auch von der Art Basel nahm sie ihre eigenen Erkenntnisse mit: Dass die spannenden Fundstücke des Kunstmarktes eher die kleinen Galerien auf Lager haben und nicht die großen.

Was war denn in den kleineren Galerien so viel interessanter als bei den großen?

Goetz Nur wenige der großen Galerien hatten sehr gute Kunstwerke. Vielleicht sind die bedeutenden Arbeiten schon vorher in den Museen oder großen Sammlungen verschwunden. Lebende Künstler stehen heute so unter Produktionsdruck, dass nicht mehr viele Top-Stücke entstehen. Die kleineren Galerien, die ein bisschen versteckt liegen, hatten dagegen schon noch Schätze, die von vielen übersehen wurden.

Es ist also schwieriger geworden, gute Kunst zu kaufen?

Goetz Ja, das ist wirklich schwerer geworden - weil die Preise so schnell so hoch gehen. Egal, ob die Kunst gut oder schlecht ist - die Preise steigen. Heute bleibt kaum noch die Zeit, einen Künstler zu beobachten und zu überlegen, ob sein Œuvre auf Dauer Bestand haben wird. Was auf den Markt geschleust wird, hat heute nicht mehr unbedingt etwas mit Qualität zu tun.

Haben Sie sich bei der Entscheidung für einen Künstler schon mal so richtig schlimm vertan?

Goetz Oh ja, das habe ich auch schon. Das kommt vor - besonders, wenn ich sehr früh kaufe und nicht weiß, wohin sich der Künstler entwickelt. Darum sind mir auch Gespräche wichtig, damit ich erkennen kann, wie viel Substanz da ist. Aber auch da kann man sich natürlich irren. Es gibt Künstler, die ein an sich gutes Œuvre gehabt haben, und plötzlich ist die innovative Phase vorbei. Natürlich darf es auch mal Episoden geben, in denen es nicht so gut läuft. Aber wenn dann eine verantwortungsvolle Galerie fehlt, die den Künstler schützt, wird es schwierig. Der Markt verzeiht schwache Phasen nicht und lässt den Künstler dann in aller Regel fallen.

Wie sieht das aus?

Goetz Für den Künstler ist das natürlich schrecklich. Viele kommen aus einem ganz einfachen, armen Milieu, und plötzlich werden ihre Bilder aus rein spekulativen Aspekten für hohe Preise gekauft. Aber irgendwann ist dieser Markt gesättigt. Das kann dann das Ende der Karriere sein. Zurück bleiben unerfüllte Hoffnungen, geplatzte Träume, und darum kann ich Künstlern nur raten, sich nicht von diesem Markt einfangen zu lassen. Obwohl ich natürlich verstehen kann, wenn jemand mit 22 oder 23 anfällig ist für den schnellen Ruhm.

Haben Sie schon mal aus Sympathie für den Künstler etwas gekauft, was Ihnen gar nicht so gut gefallen hat?

Goetz Ja. Ich muss gestehen: Einmal habe ich das gemacht. Aber der Schuss ist nach hinten losgegangen, weil der Künstler mir immer mehr angeboten hat und ich dann in der Falle war. Ich konnte ja nicht zugeben, dass mir seine Arbeiten eigentlich nicht gefallen. Daraus habe ich gelernt, dass es nicht gut ist, unehrlich zu sein. Darum bin ich mit Künstlern zumeist sehr direkt und diskutiere auch mit ihnen über ihre Werke. In dem einen Fall hatte ich aber Mitleid - und er brauchte auch Geld.

Sind Sie mit Ihrer Herangehensweise eine Exotin?

Goetz Die alten Sammler ... Nein, nicht die alten ... Die traditionellen Sammler - die allerdings tatsächlich meistens alt sind - denken und handeln so wie ich und verfolgen konsequent ihre Sammlung. Sie sammeln die Werke und Künstler, die sie selbst interessant finden. Und dann gibt es eine neue Gruppe von Sammlern, die unter anderen Kriterien einsteigen und Wert legen auf die Wertsteigerung und damit dazu beitragen, dass die Werke weiter im Preis steigen. Das sind zwei absolut verschiedene Gleise, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Viele verbinden den hohen Preis mit der Qualität des Künstlers. Es kann stimmen, muss aber nicht stimmen.

Bedeutet denn Kunst für Sie auch Stress?

Goetz Kunst kann manchmal auch zum Stress werden, ja. Das liegt auch daran, dass ich mich noch immer im Museum für alles verantwortlich fühle - obwohl ich ja Mitarbeiter habe, die das alles auch ohne mich machen. Ich bin im Moment dabei, mich daran zu gewöhnen, abzugeben. Dann wird das auch weniger. Darum bin ich auch ganz froh, dass der Staat und mein Team jetzt die Verantwortung übernommen haben.

Wegen des umstrittenen Kulturgutschutzgesetzes, das gerade vom Bundestag beschlossen wurde, haben viele Künstler und Sammler ihre Werke aus Museen geholt. Überlegen Sie das auch?

Goetz Ja, die Überlegungen gibt es bei mir auch. Das Gesetz ist so schwammig formuliert, und ich habe frühe Arbeiten, bei denen ich nicht weiß, ob die unter das Gesetz fallen. Ich überlege inzwischen wie schon viele Sammler auch, sie - zumindest eine Zeit lang - im Ausland zu deponieren, bis ich weiß, ob sie gefährdet sind oder nicht. Ich weiß inzwischen von Museumsleuten, dass sie Schwierigkeiten haben, Ausstellungen zu bestücken, weil sie keine Leihgaben von Sammlern mehr bekommen. Es ist viel, viel schlimmer als man denkt. Manche Museen werden keine Ausstellungen mehr zusammenbekommen.

Können Sie die Idee hinter dem Gesetz nachvollziehen?

Goetz Ich kann nachvollziehen, dass es deutsche, wichtige Kunst gibt. Und das hat es ja schon früher gegeben, dass man einen Riemenschneider-Altar nicht aus dem Land bringen durfte. Aber in dem Gesetz geht es ja nicht nur um deutsche, sondern auch um ausländische Kunst. Das kann ich überhaupt nicht verstehen. Das Gesetz ist so unkonkret, dass man einfach nicht weiß, auf welche Werke genau es sich bezieht. Das könnte man doch klar definieren. Dass das Erstlingswerk eines bedeutenden deutschen Künstlers nicht irgendwo in der Wüste von Katar stecken soll, das kann ich auch nachvollziehen. Aber in diesem Gesetz steht so viel Verstecktes drin. Das ist das, was es schwierig macht. Aber ob ich mir einen Beckmann in London, Paris oder Berlin anschaue, ist das doch eigentlich völlig egal. Ich kann diesen Nationalismus nicht nachvollziehen, wenn es doch die große Idee von einem gemeinsamen Europa gibt. Aber es scheint in den Zeitgeist zu passen.

Haben Sie mal überlegt, mit Ihrer Zeit etwas anderes anzufangen, als sie dem Kunstsammeln zu widmen?

Goetz Ja, ich wär gerne Psychologin geworden. Menschen interessieren mich sehr. Als junges Mädchen waren für mich Kunst und Psychologie gleichwertig.

Haben Sie sich mal mit der Psychologie des Sammelns beschäftigt?

Goetz Oh, da müssten wir alle in Therapie gehen. Dieses Aneignen und Besitzenmüssen - das ist schon ein interessantes Thema. Es spielt schon eine große Rolle, die Dinge wirklich permanent um mich zu haben und sie nicht irgendwo in einem Museum anzuschauen. Ich hab als Kind schon gesammelt. Früher waren es Margarine- und Zigarettenbilder, dann Postkarten. Ich glaube, man ist von Anfang an Sammler.

Sie haben ja selbst auch immer künstlerische Ambitionen gehabt. Warum haben Sie die nie verfolgt?

Goetz Eigentlich wollte ich Künstlerin werden, ja. Aber dann habe ich irgendwann gesehen, was andere Künstler für gute Kunstwerke machen, und mir gesagt, da steige ich lieber aus. Das Dumme ist: Ich würde gerne weiter malen, weil es Spaß macht. Aber wenn ich weiß, wie gut Kunst sein kann, dann kann ich mich nicht mit Dritt- oder Viertklassigem zufrieden geben.

Wer sagt Ihnen denn, dass es dritt- oder viertklassig ist? Die Sammlerin in Ihnen?

Goetz Ja, genau. Ich würde das nicht kaufen.

(dpa)
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