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Im Einsatz für die Opfer der Krisen

Kilian Kleinschmidt schildert sein bewegtes Leben als Flüchtlingshelfer. Von Christoph Zöpel

"Flüchtlings-Start-ups anstatt Suppenküchen heißt die Devise, denn Flüchtlinge sind eine Ressource, sie haben Kapazitäten und Fähigkeiten, die gebraucht werden. Wir sind dabei, diese zu verschwenden." So fasst Kilian Kleinschmidt seine Erfahrungen zusammen, die er in Flüchtlingslagern gewonnen hat, als Ergebnis eines abenteuerlichen Lebens und seiner Tätigkeit für den UNHCR, die Weltflüchtlingsorganisation, durch 22 Jahre.

Es ist ein Leben zwischen den offiziellen Zielen der Krisenpolitik der "internationalen Gemeinschaft" seit den 90er Jahren, der Überbürokratisierung der UN-Organisationen, dem Eigennutz der amerikanischen und europäischen Hilfsorganisationen und der Wirklichkeit, die humanitäre Helfer dabei erfahren mussten. Seit 1988 war Kleinschmidt im Einsatz: in Uganda, im Südsudan, in Somalia, in Kenia, in Ruanda, in Sri Lanka, im Kongo, in Bosnien und im Kosovo, in Pakistan und schließlich in Jordanien.

Flüchtlinge wollen nicht zurück in die Dörfer

Jede dieser Stationen verdient für sich Erwähnung, hier werden nur zwei hervorgehoben. Einmal das zerfallene Jugoslawien als Station in Europa. Hier änderte sich sein emotionaler Zugang. In Afrika und Asien "hatte ich den Almosen spendenden besserwissenden Missionar hervorgekehrt". Jetzt "sahen die Flüchtlinge so aus wie ich". In Sarajewo 1997 festigt sich eine Erfahrung: Menschen lernen in hochverdichteten Flüchtlingslagern urbanes Leben und wollen nicht in ihre Dörfer zurück. Das machte die Rücksiedlungen in Bosnien problematisch.

Und es zeigte sich dort: Wenn aus wirtschaftkonzeptionellen Gründen alles, auch Wohnungen, privatisiert werde, lassen sich für Flüchtlinge schwer welche finden. 2001 bis 2004 war er an der Mission des früheren bremischen Bürgermeisters Hans Koschnik im Rahmen des Stabilitätspakts beteiligt. Angesichts der Diplomaten und Praktikanten in Brüssel gewann er das Gefühl: "Ihr wisst überhaupt nicht, wie es in dieser Welt zugeht." 2005 bis 2006 war er dann im Kosovo, "einem diplomatischen Produkt ohne ökonomische Basis, es sei denn Korruption". Bei der Rückführung gescheiterter kosovarischer Asylbewerber erlebte er bürokratische Ahnungslosigkeit im Bundesinnenministerium, während vor Ort haltlose Zustände vorherrschten.

Das führt zum jüngsten Flüchtlingszustrom. Kleinschmidt hat 2013/14 das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien geleitet. Zwei Erfahrungen haben sich dort bestätigt. Flüchtlinge besinnen sich auf sich selbst und wollen etwas tun. Sie begreifen das Flüchtlingslager als Stadt, "eine lebendige Stadt mit vielfältigen Möglichkeiten". Zaatari ist so eine Stadt und sollte so dauerhaft akzeptiert werden - wie völkerrechtlich auch immer.

Der Autor ist Honorarprofessor an der Universität Dortmund sowie Landes- und Staatsminister a.D.

Quelle: RP
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