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Mönchengladbach
Im Rausch der reinen Malerei

Mönchengladbach. Das Museum Abteiberg in Mönchengladbach breitet das Werk der Malerin Monika Baer unter dem Titel "Große Spritztour" aus. Von Annette Bosetti

In den USA wird sie als Anlagetipp auf dem Kunstmarkt gehandelt; die Gemälde von Monika Baer kosten zwischen 18.000 und 90.000 Dollar. Und sie versprechen offenbar Rendite. Auch hierzulande ist die Malerin angesagt, immerhin war sie auserwählt und zur Documenta 12 geladen, um das zu zeigen, was innerhalb der zeitgenössischen Malerei wegweisend, interessant und erbaulich genannt werden kann.

Jetzt hat ihr Susanne Titz in Mönchengladbach eine Bühne bereitet, sie aufgefordert, die lichten Räume des Hollein-Baus einzunehmen mit verschiedenen Bilderzyklen, die von großer erzählerischer Kraft sind.

Und man darf neugierig sein, die exzentrische und vielleicht künstlerischste Malerin ihrer Generation kennenzulernen. In der Breite der Themen und der Fülle der eingebrachten Malweisen scheint das Werk auf den ersten Blick verwirrend. Man muss sich einlassen, Zeit nehmen und in großer Ruhe die Bilder betrachten. Sehr konkret formt Monika Baer auf Leinwänden einerseits Objekte und Szenarien aus, wickelt sogar absurde Reihungen ab - etwa von Alkoholika, von brennenden Zigaretten oder blauen Busen. Flüchtiger, nur andeutungsweise geht sie andererseits vor mit verwischtem Aquarell, fein gezeichneten floralen Elementen oder eingebrachten Figuren aus dem Tierreich: ein Schweinekopf oder Vögel.

Alles verwebt sie, so dass Zonen aufeinanderstoßen, die nichts miteinander zu tun haben. Abpralleffekte stellen sich ein. Sollbruchstellen. Im Extremfall setzt sie nichts als eine verschlossene dicke Farbschicht auf den Bildträger, die etwa von kraterförmigen Ovalen im selben rosafarbenen Hautton durchbrochen und bildhauerisch ausgeformt werden.

Rätselhaft. Unwirklich. Surreal. Baers Malerei ist eine lebendige, abenteuerliche, meist collagierte Welt aus Malerei, Material, Zeichnung und zu Perlen oder Wülsten geformter Farbe. Eine eigentümliche Stimmung versprüht jedes Bild, die sich mal als Ironie deuten lässt, mal als Aggression herüberkommt oder als Unterstellung, Tagtraum. Doch versteht Baer ihre Bilder nicht als Illustration von Ideen, auch nicht als ironische Collagen zur Zeit.

Sie selbst nennt ihre Malerei inhomogen, spricht von "Austragungsorten und Konfliktfeldern" auf der Leinwand. Auch gibt sie offensive Künstlichkeit zu. "Die Grenzen und Brüche sind genau die Räume, die für mich aufgehen", sagt Baer. Nicht Abbilder interessieren sie, sondern es ist die reine Malerei, die sie in oft monatelangen Prozessen zu einem Bildergebnis führt. Nicht mehr als fünf, sechs Bilder malt sie in einem Jahr. So ist das, was in Mönchengladbach gezeigt wird, eine Ausbeute über fast zwei Jahrzehnte.

Auch ganz frische Bilder aus diesem Jahr sind dabei. Während jene Mozart-Serien, die ihr als Malerin hohe Anerkennung und Ende der 1990er Jahre den Durchbruch brachten, nicht zu sehen sind. "Ich hatte etwas ausprobiert", sagt sie dazu, "das funktionierte. Das war aber gefährliches Terrain... zu verführerisch. Da bin ich schleunigst wieder weg, damit ich nicht drauf hängen bleibe."

Wie sehr den Betrachter am Ende die Bilder bannen, hängt von der Seherfahrung ab. Voller Entdeckerfreude sucht man vielleicht nach Sinn auf schwarzen Schlüssellochbildern - die winzigen Schlüssellöcher sehen aus wie Mensch-ärger-dich-nicht-Figuren - ausgeschnipselt und aufgeklebt sind sie wie auch die kleinen Spiegel auf anderen Schwarzbildern. Am meisten ins Auge stechen die vielen Alkoholflaschen, hyperrealistisch sind sie gemalt, in einer Reihung stehen sie sogar als "Kleine Feiglinge" & Co. auf einem Mini-Podest neben der Leinwand. Ob die Künstlerin im Leben mal ein Alkoholproblem hatte, fragt man sich, oder warum das Thema Rausch auf den Bildern so präsent ist. Sie habe kein Problem mit Drogen. Das sagt Museumsdirektorin Susanne Titz. Kann sein, dass Baer den Rausch als zweiten Zustand im Leben begreift, als Bild der Grenzüberschreitung, des Übermuts oder Alptraumes. Besonders schräg tut sie dies, wenn sie brennende Zigaretten an die halbkugelig geformten Brüste montiert. Aus anderen Brustwarzen tropft und spritzt es. Die Busenbilder sind aus Nessel genäht. Mal sind es drei Brüste, mal ist es nur eine Brust.

Monika Baer ist tatsächlich im Rausch der reinen Malerei.

Quelle: RP
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