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Im sozialen Brennpunkt wohnen

Die Dokumentation "Am Kölnberg" erkundet eine Siedlung in Meschenich. Von Thomas Klingenmaier

"Guten Morgen, ihr Wichser" brüllt eine Frau von ihrem Balkon aus über die Wohnsiedlung auf dem Kölnberg im Kölner Stadtteil Meschenich hinweg. Der robuste Gruß ist nicht als Beleidigung gemeint, er klingt im außergewöhnlichen Dokumentarfilm "Am Kölnberg" eher nach kampfbereiter Selbstironie. Wer hier gelandet ist, weiß, dass er von der Gesellschaft als Ausschuss betrachtet wird. Der Kloben aus neun Hochhäusern mit 1318 Wohnungen, eine Betonscheußlichkeit der 70er Jahre, ist als Wohnanlage für Begüterte gestartet, aber längst zum sozialen Brennpunkt geworden. Hier sind die unter sich, für die man keine Verwendung mehr hat. Oder, wie eine Bewohnerin sehr viel weniger aburteilend konstatiert: "Wenn du nix in Köln bekommst, weil du zu viel Scheiße gebaut hast, hier bekommst du die Wohnung. Der Kölnberg an sich hat auch keine Zeit. Hier ist vierundzwanzig Stunden am Tag zwölf Uhr mittags, sag ich jetzt mal. Es hat eine Eigendynamik, es ist ein kleines Universum für sich."

Dieses Universum betreten die Regisseure Laurentia Genske und Robin Humboldt: vor der Formulierung, sie drängen hier ein, sollte man sich hüten. Denn genau das, was fast unvermeidbar scheint, können sie verhindern. Sie gehen nicht invasiv vor, sie rauben keine Bilder. Sie machen sich vertraut und helfen den Bewohnern, die von anderen gehaltene Kamera als Kommunikationsmittel mit der Gesellschaft zu nutzen. Man sieht jeder Szene an, dass da über zwei Jahre Projektzeit hin Vertrauen gewachsen sein muss. Die Filmemacher sind gekommen, um zu lernen, nicht, um zu lehren.

So beginnen sie ihren Film auch außerhalb des Kölnbergs, bei einer Frau, die ihr Zuhause und ihren Garten gerade aufgibt und sich für den Umzug bereit macht. Aber sie, Spitzname "die bekloppte Baronin", freut sich darauf. Das ist gewiss keine ungeteilte Freude, aber sie bemüht sich, das Gute an ihrer Situation zu betonen. In Schlesien, wo ihre adlige Familie herstamme, könne man weit ins flache Land hinaussehen, erklärt sie, und von ihrem neuen Balkon auf dem Kölnberg aus auch. Kaum in der neuen Bude angekommen, erzählt sie, dass sie nachts lange wach gesessen und die Sterne angeschaut habe.

Nein, verklärt wird hier nichts: die Härten der Situation, die Lebenslügen der Protagonisten, das Scheitern selbst kleiner Hoffnungen sind ebenfalls Teil dieses Films. Aber "Am Kölnberg" ist mehr daran interessiert, das zu zeigen, was wir nicht erwartet hätten, als das, was die Sozialzoo-Formate des Privatfernsehens endlos wiederholen. Wer sich gerne die eigenen Vorurteile wegkegeln lässt, ist hier genau richtig.

Quelle: RP
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