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In Bochum wird aus "Lampedusa" Theater

Die innere Distanz aufgeben, sich berühren lassen, mitfühlen, menschlich sein. Darf man das, sollte man das jenseits der strategisch-politischen Debatte in der aktuellen Flüchtlings-Krise tun? Diese Frage kann sich der Zuschauer von "Lampedusa" am Schauspielhaus Bochum stellen. Dem aktuellen Chef-Dramaturgen und ab 2017 Interims-Intendanten des Hauses, Olaf Kröck, gelingt darin als Regisseur, was auf der Bühne eins gefordert war und heute immer seltener intendiert wird: Seine Figuren berühren unmittelbar - durch einen Wendepunkt in ihren Geschichten. Von Max Florian Kühlem

Der ehemalige Fischer Stefano, der vor der kleinen Mittelmeer-Insel Lampedusa Leichen havarierter Flüchtlinge aus dem Wasser fischt. Denise, die in Leeds für eine Wucherkreditfirma Schulden eintreibt. Es sind Elend und Armut an Europas Außengrenzen und aus der Mitte des Kontinents, einer der reichsten Gesellschaften der Welt, die der britische Theater-Autor und politische Aktivist Anders Lustgarten zum Thema macht.

Statt nach dem politischen Überbau der europäischen Gesellschaften zu fragen, deren soziale Netze immer grobmaschiger werden, stellt er exemplarisch zwei Menschen vor. Raiko Küsters Stefano ist die Resignation ins Gesicht geschrieben. Müde, voller an Verachtung grenzender Distanz fischt er die Leichen aus dem Wasser, für die symbolhaft die nassen Kleidungsstücke auf der gefluteten Bochumer Kammerbühne stehen (Bühne: Dorothea Lütke Wöstmann). Bei Juliane Fischs Denise triefen aus jeder Geste und jedem Wort Abscheu und Wut, sie kotzt sich aus über ihr Klientel. Bis bei beiden Figuren eine Freundschaft alles verändert.

Olaf Kröck gelingt das Kunststück, ein monologisches Stück lebendig werden zu lassen. Er lässt sogar sinnvolle Interaktionen zu - zum Beispiel, wenn Juliane Fisch mit den nassen Stoffstücken einen Sturm entfacht, aus dem Raiko Küsters Stefano die Frau seines Schützlings rettet.

Durch solcherart Geschichten, die uns nahegehen, macht die unbedingt sehenswerte Inszenierung erfahrbar, was als der christlich-abendländische Wert schlechthin gilt, was das meint: Nächstenliebe. Sie entfacht Gefühle, die anderes Nachdenken über die Flüchtlings-Krise ermöglichen.

Info Weitere Aufführungen: 24. März, 1., 10. und 30. April, Karten unter 0234 3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: RP
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