| 10.19 Uhr

Melbourne
In den Weiten Australiens

Melbourne. Die erste große Fahrt auf eigene Faust ist ein biografischer Einschnitt. Sieben Wochen hat unsere Autorin an der Freiheit geschnuppert. Von Dorothee Krings

Fernweh ist ja die melancholische Variante des Freiheitsdrangs. Es zieht einen fort aus allem Vertrauten - aus Entdeckerlust, aus Überdruss, aus dem Hang, sich beweisen zu wollen. Doch es ist eben ein Weh in dieser Sehnsucht nach dem Neuen, es schwingt darin ein wenig Bangigkeit mit. Oder vielmehr ein seltsamer Angstgenuss, eine heimliche Vorfreude auf den Abschiedsschmerz und das Durchbeißenmüssen in der Fremde. Heimweh ereilt einen, zu Fernweh entschließt man sich. Darum ist Heimweh Leiden, Fernweh Lust.

Nach vier Semestern Grundstudium in der grundsoliden Ruhrgebietsstadt Dortmund hatten wir jedenfalls Fernweh, mein Studienfreund und ich. Die ersten Hürden genommen, das erste Geld bei der Zeitung verdient, nun wollten wir außer Reichweite geraten. Wirklich weit wegfliegen. Anders leben. Anders zurückkommen. Möglichst mit ein paar Geschichten im Gepäck.

Wir wollten der alten Welt abhandenkommen und eine neue entdecken. Und weil uns Wohlstandskindern in völliger Selbstüberschätzung die USA schon zu vertraut erschienen aus all den Büchern, Filmen, Videos unserer Popkultur-Jugend, war da plötzlich diese Idee im Raum: Australien.

Eine Bekannte meiner Mutter war dorthin ausgewandert, hatte einen Italiener geheiratet, Kinder bekommen und erhielt jedes Jahr ein Päckchen von uns, das sie mit erstaunlichen Geschenken erwiderte. So geriet ein Mini-Koalabär mit echtem Fell in die Welt meiner Kindheit, ein exotisches Spielzeug, das geringe Kuschelqualitäten besaß, aber hohen Vorzeigewert. Streichelte man den Koala, roch es seltsam, nach Tier. Und Ferne.

Jedenfalls war Australien für mich ein Ort, an den man sein Leben verlagert und nicht einfach nur verreist wie nach Spanien oder Tirol. Entfernt genug also, um den Bewegungs- und Denkradius zweier Studenten entscheidend zu erweitern. Später im Leben sollte ich lernen, dass Exotik keine Frage der Entfernung ist und man in Osteuropa Abenteuerlicheres erlebt als im australischen Outback. Aber Sydney, Melbourne, das bröckelnde Great-Barrier-Korallenriff oder der mystische Ayers Rock, der im Sonnenuntergang rot aufglüht, das klang doch fern genug.

Außerdem wollten wir sieben Wochen lang zelten, unbehaust sein, unabhängig und ganz nah bei der Natur. Dazu ein Auto mieten und diese einsamen schnurgeraden Highways langfahren, die direkt in den blauen Horizont führen. Die Welt eine Scheibe, nur unendlich groß. Wir wollten einsam sein und unter fremden Menschen, wollten ein bisschen verlottern, reduziert auf den Besitz eines Rucksackvolumens, und sehen, wie es ist, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Einfach da sein in der Gegenwart. Neugierig. Mit der Selbstverständlichkeit, die nur junge Menschen kennen. Ich packte den "Ulysses" ein, so viel Weite empfand ich schon beim Planen dieser Reise. Wir würden Zeit haben, unendlich viel Zeit.

Das Verrückte ist: Es kam genau so. Die erste echte Fernreise meines Lebens war tatsächlich eine Reise in die Freiheit, in die landschaftliche Weite, die absolute Selbstbestimmung. Nichts und niemand drängte - das war die andere Welt. Sieben Wochen lang lasen wir abends im Kultreiseführer "Lonely Planet", wohin uns der nächste Tag treiben könnte. Und fuhren anders. Und natürlich warfen nicht die touristischen Höhepunkte die kostbaren Erinnerungsmomente ab, sondern das Unscheinbare: beim Zelten von dem Ehepaar nebenan ans Lagerfeuer eingeladen zu werden und zu erleben, wie unternehmungslustig und verliebt man miteinander alt werden kann. Am Opernhaus von Sydney zu stehen und so verzaubert zu sein von diesem Bauwerk, dass man hinein muss, unbedingt, und sei's zum Kammermusikabend. Und sei's in abgerissenen Outdoor-Klamotten. In den Northern Territories in einem kleinen Laden erfahren, dass eine Gruppe von Aborigines am Abend jenseits des Flusses Musik machen wird. Mitgenommen werden auf einem Geländewagen, weil der Fluss in der Nacht ansteigt. Und Krokodile darin schlummern.

Oder in Cairns, einer Kleinstadt im Norden von Queensland, beim Royal Flying Doctor Service um ein Interview bitten, ohne Voranmeldung, ohne Auftraggeber. Und an einen Arzt geraten, der nicht nur gern Auskunft gibt, sondern zwei Journalistikstudenten aus Germany einfach im Flieger mitnimmt, als ein Notruf eintrifft. Nie werde ich den Blick aus dem Cockpit vergessen, weil man vorn in einem Flugzeug tatsächlich in den Himmel startet. Der Pilot flog auf Sicht über das unwegsame Gelände. Die Landebahn war eine rotsandige Piste hinter einem Farmhaus, die er erst in einer Flugschleife aus dem Fenster begutachten musste, eher er runterging. Den Mann, der beim Wasserlassen am Wegesrand von einer Schlange gebissen worden war, brachten wir sicher in die Stadt. Und natürlich waren wir noch wie benommen, als wir schon wieder durch die Straßen von Cairns spazierten und so viel erlebt hatten. So unverhofft. Weil man in Australien nicht erst nach Erlaubnis, Auftrag, Versicherungsschutz fragt, sondern einem anderen ins Gesicht schaut. Und handelt.

Ich erinnere mich an menschenleere Strände, Wölkchen wie an den Himmel geflockt, den endlosen weißen Sand, darin keine Spur. Und nicht einmal fragten wir uns, was sein würde, wenn uns jetzt im Wasser etwas passierte. Ich weiß noch, wie wir auf einem Fels hockten nach dem Baden, auf das Wasser blickten. Plötzlich sprachen wir über die Zukunft, was sein würde nach der Heimkehr. In zehn Jahren. In zwanzig Jahren. Für Momente spürten wir, dass wir eine solche Freiheit im Leben nicht mehr erleben würden. Und schworen uns, zumindest die Sehnsucht danach nicht zu verlieren.

Wir haben anders gelebt in Australien. Wir sind anders zurückgekehrt. Von der Freiheit zu kosten, macht empfindsamer für die Enge danach. Macht rastloser. Und hilft, richtiger zu leben.

Quelle: RP
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