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Essen
In Essen kommt Rosina aus der Kiste

Essen. An der Aalto-Oper spielt Rossinis "Barbier" in einem Warenlager Von Regine Müller

Vor vier Jahren machte der Opernregisseur Jan Philipp Gloger in Bayreuth aus Richard Wagners Holländer einen gestressten Manager mit Rollkoffer. An der Essener Aalto-Oper hat Gloger sich nun Rossinis "Il Barbiere di Siviglia" vorgenommen und gibt sich auch hier mit dem Berufsbild der Titelfigur nicht zufrieden. Der Essener Barbier ist Dirigent: Zur Ouvertüre steht er mit weißer Perücke auf dem Souffleur-Kasten und dirigiert bewusst asynchron zum diensthabenden Giacomo Sagripanti im Graben ein imaginäres Orchester.

Dann dirigiert er den Vorhang auf, der nur eine gähnend leere Bühne freigibt. Daraufhin verschwindet der Dirigenten-Barbier und taucht wieder auf als Fahrer eines Elektrotransporters, mit dem er viele, viele Kisten auf die Bühne schafft. Aus einer zerrt er Rosina heraus, steif wie eine Barbiepuppe, und stopft sie wieder zurück in die Kiste.

Nach der Ouvertüre ist die ganze Bühne eine riesige Kiste, denn Kisten sind das Grundprinzip von Glogers Inszenierung. Es geht zu wie in einem Warenlager. Damit will Gloger auf den alten Rossini-Vorwurf anspielen, der Komponist habe sich bloß der immer gleichen musikalischen Versatzstücke und Tricks aus seinem Lagerbestand bedient.

Glogers Inszenierung ist eine Art Meta-Oper, sie will zeigen, wie eine gute Opera Buffa funktioniert, wie sie gebaut ist. Deshalb ist das, was die Sänger auf der Bühne treiben, nicht etwa psychologisch erklärend gemeint. Sondern als eine Art parodierende Choreographie, die das musikalische Geschehen in Bewegung umsetzt. Wenn Rosina etwa in ihrer Auftrittsarie hohe Haltetöne singt, wackelt die famose Karin Strobos mit den abgespreizten Armen, als wäre sie ein Vögelchen, das im Balzgesang lockend das Gefieder schüttelt.

Dank Glogers sicherem Gespür für Timing und seiner Musikalität hat der Abend hohes Tempo und Witz, die Effekte rutschen allerdings nach einer Weile ins Alberne ab.

Ohne Abstriche großartig aber ist das, was Giacomo Sagripanti im Graben mit den Essener Philharmonikern anstiftet: spritziger und bestechend präziser Rossini voller Charme und Esprit. Neben Karin Strobos' Rosina imponiert Tenor Juan José de Leon als Graf Almaviva und Georgios Iatrou ist ein kerniger Barbier. Ovationen für einen heiteren Abend.

Quelle: RP
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