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Margot Käßmann
"Es geht um einen kritischen Glauben"

Interview Margot Käßmann: "Es geht um einen kritischen Glauben"
Die Luther-Botschafterin Margot Käßmann kommt Ende März nach Düsseldorf. FOTO: Bernd Settnik
Düsseldorf. Das Reformationsjubiläum nähert sich der Zielgeraden. Ein Gespräch darüber, was bleibt, wenn die Feiern vorüber sind. Von Franziska Hein

Margot Käßmanns Terminkalender ist voll. Vor Beginn einer Reihe hochkarätiger Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum kommt die Reformationsbotschafterin ins Düsseldorfer Schauspielhaus. Vorher nimmt sie sich eine halbe Stunde am Telefon Zeit, um über ihre Zeit als Reformationsbotschafterin, die Ökumene und die Kritik am Jubiläum zu sprechen.

Welchen Satz haben Sie in Ihrer Zeit als Reformationsbotschafterin am häufigsten gesagt?

Käßmann Wir werden 2017 international und im ökumenischen Horizont feiern.

Und das heißt?

Käßmann Die Reformationsjubiläen früherer Jahrhunderte waren deutsch-nationalistisch und oft Luther-Heldengedenken, meist auch mit anti-katholischem Akzent. Das ist im 21. Jahrhundert unmöglich. Wir leben in einem globalisierten und ökumenischen Zeitalter. Uns verbindet mehr, als uns trennt.

Dafür hat man den Begriff des Christusfestes erfunden, um auch der katholischen Seite ein Andocken zu ermöglichen. Welche Wirkkraft des Reformationsjubiläums über 2017 hinaus können Sie sich vorstellen?

Käßmann Ich sehe das Jubiläum wie eine Zwischenbilanz. Wir ernten jetzt die Früchte der Ökumene, die in den vergangenen Jahrzehnten gewachsen sind. Die Spitzen der Deutschen Bischofskonferenz und der EKD sind im Oktober nach Israel gepilgert, und wir haben einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst zur Heilung der Erinnerung gefeiert. Wir haben uns gegenseitiges Vertrauen erarbeitet. Ich hoffe, dass dieses gemeinsame Erleben von 2017 die ökumenischen Beziehungen noch besser werden lässt. Und der langfristige Wunsch von uns allen ist, dass wir nicht einheitlich werden, sondern uns so versöhnen können, dass wir miteinander Abendmahl feiern können.

Das ist augenblicklich noch der Knackpunkt. Man betont zwar die Nähe, aber theologisch fehlt die letzte Zündkraft. Was muss passieren?

Käßmann Für die evangelische Kirche gilt beim Abendmahl, dass Jesus Christus der Einladende ist und jeder getaufte Christ an unserem Abendmahl teilnehmen kann. Für die römisch-katholische Kirche ist die Anerkennung als Kirche und das gemeinsame Amtsverständnis eine Voraussetzung. Und ohne die Anerkennung als Kirche und des Amtes ist kein gemeinsames Abendmahl möglich. Aber es gibt auch römisch-katholische Theologen, die das Konzept der eucharistischen Gastfreundschaft für theologisch vertretbar halten. Es ist ein theologisches Problem, aber der Wunsch der Gemeinden ist sehr groß, dass wir dieses Zeichen der Einheit miteinander feiern können. Papst Franziskus hat der lutherischen Gemeinde in Rom einen Abendmahlskelch geschenkt. Das, finde ich, ist ein wichtiges Zeichen.

Stichwort Ökumene: Versucht man, mühsam zu kitten, was die Reformation vor 500 Jahren zerstört hat?

Käßmann Das würde ich nicht so sehen. Ich sehe die Reformation nicht als Kirchenspaltung. Historiker sprechen von ihr als Prozess der Ausdifferenzierung. Die Menschen haben angefangen, selber zu denken, individuelle Entscheidungen auch in Glaubensfragen zu treffen. Das war die Erneuerung.

Gibt es andere innerkirchliche theologische Themen, bei denen das Reformationsjubiläum etwas vorangetrieben hat - abseits der Ökumene?

Käßmann Ökumene bedeutet auch innerprotestantische Ökumene. Wir feiern nicht nur die lutherische Reformation, sondern die Reformation als Gesamtprozess. Auch die Frauengestalten der Reformation werden mehr gesehen, wie imr Film über Katharina von Bora. Sehr schön finde ich, dass der Bildungsgedanke der Reformation noch mal deutlich geworden ist. Es geht um einen Glauben, der Fragen stellen darf, der kritisch sein darf. Und das ist in einer Zeit, in der der Fundamentalismus wächst, ein richtiges Zeichen: Reformation ruft dazu auf, selber zu denken!

Thies Gundlach, Chef-Theologe der EKD, hat evangelischen Theologen vorgeworfen, dass sie sich am Reformationsjubiläum nicht genug beteiligen. Verstehen Sie den Vorwurf?

Käßmann Ich verstehe, was er meint. Das ist eine Replik auf eine Dauerkritik mancher Professoren am Reformationsjubiläum. Es nützt aber nichts, öffentlich darüber zu streiten, wer das Jubiläum richtig interpretiert. Wir haben so eine große Vielfalt an Veranstaltungen. Wir sollten die innere Freiheit haben, Vielfalt zuzulassen.

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass im Reformationsjubiläumsjahr wenig über Gott gesprochen wird und mehr über die gesellschaftlichen Auswirkungen. Wie stehen Sie dazu?

Käßmann Das kann ich nicht gelten lassen. Ich feiere fast jeden Sonntag in irgendeiner Gemeinde in Deutschland einen Gottesdienst. Da ist immer die Gottesbeziehung Martin Luthers das Entscheidende. So ein Gezänk ist nicht hilfreich.

Was ist für Sie der theologische Höhepunkt des Jubiläums?

Käßmann Für mich sind die 16 Wochen der Weltausstellung der Höhepunkt. Wir fragen dort, wo wir heute stehen und wo wir hinwollen. Es soll ja ein zukunftsorientiertes Reformationsjahr sein.

Es gibt häufig den Impuls aufzuschreiben, was Luther heute fordern würde. Was antworten Sie?

Käßmann Ich bin da vorsichtig. Ich werde gefragt, was würde Luther zu Fracking sagen oder was er twittern würde. Luther konnte sich eine Gesellschaft, wie wir sie heute haben, nicht vorstellen. Luther würde aber sicherlich die Menschen auffordern, die Bibel zu lesen. Es würde ihn schockieren, dass die Menschen im Land der Reformation nicht mehr wissen, was in der Bibel steht.

Was macht Margot Käßmann nach dem 31. Oktober?

Käßmann Ich gehe im Juni 2018 in Pension. Und danach werde ich erstmal gar nichts machen. Jedenfalls nichts öffentliches.

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