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Interview mit Nike Wagner
„Bayreuth leiten? Ich würde Nein sagen“

Interview mit Nike Wagner - „Bayreuth leiten?  Ich würde Nein sagen“
Nike Wagner (71). FOTO: Endermann, Andreas
Bonn. Die Intendantin des Bonner Beethovenfestes spricht über ihr Leiden am Grünen Hügel, die Opern ihres Urgroßvaters und ihr Verhältnis zu ihrer Cousine Katharina.  Von Wolfram Goertz

Nike Wagner (71) ist die Urenkelin Richard Wagners und Ururenkelin Franz Liszts. In der Vergangenheit hat sie wiederholt Ansprüche auf die Leitung der Bayreuther Festspiele erhoben. Jetzt leitet die Publizistin, die auch in der Jury des Büchnerpreises sitzt, das Bonner Beethovenfest. Wir besuchten sie in Bonn.

Zitat Ihres Urgroßvaters: Wagner träumt von Beethoven und erwacht "unter Tränen". Wie erwachen Sie, wenn sie an Beethoven denken?

Wagner: Sicherlich nicht unter Tränen. Beethoven ist Schwerarbeit, wenn man ein Festival in seinem Namen leitet. Ich muss schauen, wie ich von den Beethoven-Klischees wegkomme, wie ich Programme mixe, Interpreten finde – und die Bonner Bedürfnisse berücksichtige.

Haben Sie die besten Ideen morgens?

Wagner: Ja, ich bin ein Morgenmensch. Es kann sein, dass ich nachts um 3 Uhr zu lesen anfange. Meine literarischen Interessen und Verpflichtungen gehen weiter, auch als Intendantin eines Festivals. Ich gehöre mit Freuden der Akademie für Sprache und Dichtung an.

Als man Sie fragte, ob Sie Ihre Weimarer "Pèlerinages" (so hießen Ihre Kunstfeste zu Franz Liszt) bei Beethoven in dessen Geburtsstadt fortsetzen wollen, was dachten Sie da?

Wagner: Mein erster Gedanke war: Um Gottes willen! Bloß nicht. Beethoven kennt doch jeder. Dann haben sich Ideen zu einem Festival in meinem Kopf eingenistet, und es war wie die Rückkehr zu einer alten Liebe. Ich fing wieder an, Beethoven zu hören, und fand es großartig, wie die Musikgeschichte hier mit meiner Verwandtschaft zusammenkommt: die Verbundenheit Liszts mit Beethoven, die Verbundenheit Wagners mit Beethoven.

Kommen Sie bei Beethoven nach Hause?

Wagner: Der alte Beethoven hing bei uns in der Villa Wahnfried überm Sofa – in Öl. Das Klavierkonzert in Es-Dur gehört zu meinem Kindheitserinnerungen. Mit der Zeit bin ich von Beethoven weggedriftet und kam in die Zirkel der Neuen Musik – und dort, über Umwege, entdeckte ich erst den späten Beethoven.

In Ihrem Festival im September geht es nicht um den Titanen und Weltumarmer Beethoven. Sondern?

Wagner: Lieber um den späten, rücksichtslosen, neuerungssüchtigen Beethoven. Und in diesem Jahr auch mal um den Liederkomponisten Beethoven, der wegen Schubert immer gern zurückgestuft wird.

Wie war Ihre Ankunft in Bonn?

Wagner: Ich bin in oberfränkisch-bayerischen Gegenden aufgewachsen, wo sie raunzig sind, ich habe Jahre in Norddeutschland verbracht, wo sie kühl sind, ich war zehn Jahre lang im ehemaligen Osten, wo man sich wortkarg gibt. Im Rheinland ist das alles anders: Das soziale Klima ist angenehm wohltemperiert, jeder spricht mit jedem. Das ist überraschend, wenn man weder Rheinländer noch Katholik ist. Bonn fühlt sich gut an.

Wenn Sie mal nach Bayreuth fahren, sind Sie da wieder Kind?

Wagner: Aber ja, ich sehe die Feuerleiter vor mir, an der ich am Festspielhaus hochgeklettert bin, ich rieche die sonnenheiße Dachpappe. Als Chef- Kinder durften wir damals machen, was wir wollten. Da es eine Familienloge gab, konnten wir auch aus den weihevollsten Aufführungen raus und rein. Das prägt.

Wie haben Sie dort denn die Musik Wagners gehört?

Wagner: Es gibt da biografische Verläufe. Erst saugt man alles auf, dann entwickeln sich Vorlieben und Abneigungen: Der "Fliegende Holländer" – immer willkommen! Das erotisierende "Tannhäuser"-Bacchanal – ja. Der stählerne "Walkürenritt" – nein. "Siegfried" 3. Akt: unaushaltbar. Faszination durch den "Tristan" aber durchgehend. Irgendwann hielt man den "Parsifal" nicht mehr aus, dann wieder waren die "Meistersinger" ein einziger Ohrwurm. Es gab verschiedene Hör-Stadien, bedingt durch eigene Reife. Dann aber auch Selbstkorrekturen: Sehr gute Interpretationen und Inszenierungen können auch ungeliebte Werke in ein tolles neues Licht setzen.

Wo hören Sie Wagner am liebsten?

Wagner: Wissen Sie, was wunderbar ist? Ich kann an jedem Ort der Welt sein, sobald mich irgendwo ein Ton von Richard Wagner trifft, berührt mich das wie eine Umarmung. Das ist wie eine Heimkehr.

Haben sie noch Freunde in Bayreuth?

Wagner: Kaum. Ich bin lange weg aus Bayreuth. 1966, nach dem Tod meines Vaters, mussten wir aus der Villa Wahnfried ausziehen.

Schade?

Wagner: Ja, eigentlich schade. Aber wenn ich nach Bayreuth komme, halte ich mich zuerst an die fränkische Bratwurst. Die ist verlässlich gut. Fast jeder Stadtspaziergang dagegen eine Irritation und Enttäuschung. Überall Bausünden! Und auf dem Festspielhügel wird das nicht besser. Allein die fürchterlichen Stahlträger, die Wolfgang Wagner anstelle der Fachwerk-Hölzer in die Mauern ziehen ließ!

Wolfgang Wagner war Ihr Onkel. Wie war sein Verhältnis zu Ihrem Vater, seinem Bruder?

Wagner: Wieland und Wolfgang Wagner waren zwei sehr verschiedene Typen, von Anfang an. Der eine der Künstler, der andere der Kaufmann. Als sie nach dem Krieg – gleichberechtigt – die Bayreuther Festspiele zu leiten hatten, begannen die Rivalitäten. Wieland hatte seinen Bruder gebeten, ihm die künstlerische Seite der Festspiele zu überlassen, der Jüngere beharrte auf seinen "ererbten" Rechten. Wolfgang, der hochbegabt war für die Finanzen und alles Organisatorische, kam seinem Künstlerbruder in die Quere.

War das für Ihren Vater schwierig?

Wagner: Sehr schwierig. Wieland hatte das hitlerverseuchte Bayreuth durch sein "Neubayreuth" erst einmal gerettet, er hatte einen "Stil" dafür gefunden. Nun wurde sein Stil schlecht kopiert durch seinen Bruder – und Wieland konnte nichts dagegen tun. Sie waren eine Firma.

Wenn Sie das erzählen, wirken Sie unversöhnlich.

Wagner: Bin ich das? Das ist alles inzwischen Geschichte. Natürlich liebe ich meinen Vater, und wir haben sein Leiden an seinem Bruder, seine hilflose Wut und seinen frühen Tod miterlebt. Und mussten auch seinen zweiten Tod miterleben: Die Vernichtung seines Andenkens, seiner Hinterlassenschaft war Programm – und Wolfgang jahrzehntelang der alleinige Herrscher auf dem Hügel.

Wie stehen Sie zu Katharina, der Tochter Wolfgangs aus zweiter Ehe?

Wagner: Wir kennen uns persönlich kaum. Es hat sich nicht ergeben. 2008 waren wir Konkurrentinnen um die Besetzung der Festspielleitung, aber es gibt keine persönliche Animosität. Auch wenn die Regenbogenpresse das gerne hätte.

Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?

Wagner: Bei der Feier zum 50. Todestag meines Vaters im Oktober, da haben wir ein gemütliches Glas miteinander getrunken.

Jetzt klingen Sie versöhnlicher.

Wagner: Ich hatte ab Anfang der 90er Jahre gegen ihr väterliches Bayreuth polemisiert, zu Recht, wie ich meine. Fast zwanzig Jahre später wurde Katharina durch die politischen Schachzüge ihres Vaters in die Bayreuther Position gehievt. Dagegen war ich mit Europas berühmtestem Opern-Intendanten Gérard Mortier zu Felde gezogen. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Inzwischen hat sich vieles geändert, Katharina ist Geschäftsführerin eines – ja fast schon – bayerischen Staatstheaters.

Wenn eines Tages jemand fragen würde, ob Sie die Leitung der Bayreuther Festspiele übernehmen könnten, was würden Sie sagen?

Wagner: Ich würde Nein sagen.

Das glaube ich Ihnen nicht.

Wagner: Können Sie aber. Auch Träume kommen irgendwann an ein Ende. Und: Immer nur Wagner zu machen, das ist doch grottenlangweilig.

 
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