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Selbstzerstörerisches Jazz-Genie

"Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende" erzählt das Leben des Pianisten. Von Thomas Klingenmaier

Dass John Hawkes, der Hauptdarsteller von "Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende", in manchen Momenten eine geradezu gespenstische Ähnlichkeit mit dem realen Pianisten Joe Albany (1924-1988) aufweist, wäre eigentlich gar nicht nötig, damit wir diesen Spielfilm von Jeff Preiss als wahrhaftig empfinden. Zugleich schonungslos und kein bisschen auf Schockeffekte erpicht, stellt der das kaputte Milieu einer großen Kunst dar: die Musiker sind fickrige Junkies, die sich mal um mal zurück in die Sucht spritzen, ob die Karriere gerade schlecht läuft oder gut, ob ihnen der Bewährungshelfer im Nacken sitzt oder nicht, ob sie Verantwortung für andere tragen oder nicht.

Joe Albany trägt welche, und er tut das ja eigentlich gerne: er ist der liebende, alleinerziehende Vater einer Tochter (Elle Fanning), die ihn bewundert und weit mehr Vertrauen zu ihm hat als zu ihrer leiblichen Mutter, einer gehässigen gescheiterten Sängerin, die in Suff und Verbitterung versinkt. Die Vorlage und das Drehbuch zu "Joe Albany - Mein Vater, die Jazz-Legende", der im Original viel eleganter "Low Down" heißt, stammen von Albanys Tochter Amy. Und so geht es denn auch nicht um das selbstzerstörerische Genie allein, sondern um die Eltern-Kind-Beziehung.

Deren schlimmste Momente, deren Stunden des oft folgenreichen Verrats, werden ohne Vorwurfsgestus gezeigt. Er war halt so, er konnte nicht anders, scheint die Bilanz dieses Films zu sein, dessen von Jeff Preiss selbst geführte Kamera uns hineinzieht in Paranoia und Dreck der Fixerbuden, in denen die Selbstlügen den noch schmierigeren Belag auf allem bilden als der reale Dreck.

Aber sie holt uns auch herein in die Momente der Innigkeit, in die Winkel funktionierenden Familienlebens. Nicht nur Hawkes und Fanning spielen großartig, auch Glenn Close stellt als Mutter von Albany eine unvergessliche Figur vor uns hin. Einerseits liebt diese schon betagte Frau Jazz noch immer so innig wie ihr Sohn, hat ein fast kapitulationsbereites Verständnis für Sitten und Unarten der Szene. Andererseits möchte sie mit aller Wut und Strenge einer alle Gefahren vom eigenen Nachwuchs fernhaltenden Raubkatze sichergehen, dass ihr Joe nicht endgültig abrutscht. Es kommt zu einer Ohrfeigenszene, die einen das Brennen auf der eigenen Wange spüren lässt.

Preiss scheint Verehrer von John Cassavetes zu sein und dessen Schauspielerkino, das Gesichter und glaubhafte Ausschnitte des unspektakulären Alltags zeigen wollte. Nie frisst sich "Joe Albany" in Nachahmungen fest. Er gerät nicht in Gefahr, Jazz-Klischees wiederzugeben, obwohl die meisten Spielfilme über Jazzer auch Drogenfilme sind, Taverniers "Round Midnight" etwa und Eastwoods "Bird". Auch wenn hier nichts passiert, außer dass Albany versucht, clean zu bleiben und scheitert, schaut der Film über das Spritzerbesteck hinaus auf Menschen, deren Charaktere und Beziehung er nicht endgültig erklärt.

Quelle: RP
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