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Düsseldorf
Jubel um Dirigent Eschenbach – den Bildhauer der Töne
Düsseldorf. Die 2. Sinfonie D-Dur von Johannes Brahms haben wir schon leiser gehört. Diese hier steht voll im Saft, Maximalromantik mit fetten Hörnern, sattem Sound, mitunter sehr gedrosselten Tempi und Resultat einer einfachen physikalischen Weltsicht: Die Welt ist Klang, und Klang braucht Zeit. Von Wolfram Goertz

So musiziert das National Symphony Orchestra aus Washington unter Leitung von Christoph Eschenbach in der Düsseldorfer Tonhalle – und hinterher ist der Jubel (in diesem Festkonzert der Freunde und Förderer des Hauses) so groß, als habe man einen Krimi erlebt. Nun, es ist keiner: Eschenbach tut drei Sätze lang alles, um die Hörer an sein Dogma von der gründlichen Gemächlichkeit bei Brahms zu gewöhnen; nur im Finale gibt er vor allem gen Ende dermaßen Gas, dass er zum einen Zeit aufholt und zudem weite Teile des Auditoriums alles Schleppende zuvor vergessen lässt.

Man könnte die Interpretation für eine eher historische Sicht auf Brahms halten, die Kompetenz des Orchesters ist aber fraglos neuzeitlich. Es gibt nur wenig Stellen, da man sich noch weitere Luxurierung wünscht; einige Momente, in denen es klappert, liegen ganz einfach daran, dass die Musiker bei Eschenbachs Dirigiertechnik oft, aber nicht immer wissen, woran sie sind. Und dass der Maestro bei allen dramaturgisch relevanten Wende- und Gelenkstellen in Brahms' Sinfonie zur kollektiven Sammlung inclusive abermaliger Tempoverbreiterung ruft, ist auch eher ungängige Praxis.

Als Pianist war Eschenbach nie ein Anwalt des Wuchtigen, jetzt aber scheint er Musik als tönende Bildhauerei zu verstehen. So lässt sich zum Beginn des Konzerts auch Beethovens "Egmont"-Ouvertüre an: finsteres Marmor. Interessant sind einige Aufhellungen im steinernen Meer, etwa ein Bratschenmotiv, das Eschenbach intensiv und schön leuchten lässt. Im Mittelpunkt steht eine Elfe mit Violine: Arabella Steinbacher. Die junge Geigerin ist für Julia Fischer eingesprungen und spielt Mozarts A-Dur-Violinkonzert KV 219. Ihr Ton ist schön, da sitzt alles, passt alles und hat alles Luft, die Kadenzen geigt sie mit Schwung und Vorwärtsdrang, und die Zusammenarbeit mit dem Orchester und Eschenbach ist tadellos, kein einziges Mal piepst die Einparkhilfe.

Manches läuft vielleicht ein wenig glatt, ein Thomas Zehetmair holt aus dem Werk Gedanken hervor, die Frau Steinbacher noch nicht zu den ihren gemacht hat. Die Zugabe zeigt uns aber, dass die Geigerin die Kunst der Kombinatorik beherrscht: Ein vitaler Prokofieff (Kopfsatz der Solo-Sonate op. 115 mit neoklassizistischer Griffigkeit und wuchtig angefräster tiefer G-Saite) kann nicht schaden. Herzlicher Beifall.

Quelle: RP
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