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Vollkaracho-Kabarett
Dass Volker Pispers aufhört, mag man nicht glauben

Kabarett: Dass Volker Pispers aufhören könnte, mag man nicht glauben
Volker Pispers im Kampf mit den Windmühlen. FOTO: Jürgen Moll
Düsseldorf. Volker Pispers ist wieder auf Tournee. Wie man hört, soll es die letzte des 57-Jährigen sein. Eine Begegnung im Kulturzentrum Zakk. Von Philipp Holstein

Als er sich schon fast drei Stunden den Mund fusselig geredet hat, beginnt man zu begreifen, dass der kantige Kerl da oben in Wirklichkeit ein Träumer ist, ein Romantiker und Schwärmer. Eine Windmühle nach der anderen stellt er vor sich hin, um gegen sie zu kämpfen – anders kann er gar nicht, er muss das tun, denn das Leben ist ein stehender Sturmlauf für ihn.

Volker Pispers tritt im Kulturzentrum Zakk auf, und natürlich ist auch dieser Saal ausverkauft. Bis Anfang Dezember wird der 57-jährige Düsseldorfer auf Tournee sein, und viele sagen, danach beende der populärste und härteste Polit-Kabarettist Deutschlands seine Bühnen-Karriere. Es gilt als offenes Geheimnis, er selber thematisiert das indes nicht, er gibt ja ohnehin kaum je Interviews, und dennoch könnte das hier eine Abschiedsvorstellung sein.

Pispers lässt sich von heiligem Zorn durch den Abend tragen. Auf der Bühne ist nur ein Stehtisch, darauf ein Glas Wasser, das genügt. Daneben steht Pispers, redet sich in Rage und setzt seine Texte unter Feuer. "Nicht die Griechen sind schuld, das Bankgesindel regiert die Welt." Er kann nicht begreifen, dass es so ungerecht zugeht, er möchte das nicht hinnehmen. Er kämpft, er spuckt und mahnt, und manchmal ist das nicht mehr Kabarett, sondern Indoktrination – etwas ziemlich Verzweifeltes jedenfalls. "Noch nie hatten so viele Deutsche Arbeit. Und noch nie konnten so wenige davon leben." Er rechnet die Arbeitslosenstatistik nach, er kommt auf eine viel höhere Zahl. "Warum geht dagegen keiner auf die Straße?"

Pispers ist nicht der Wahrheit verpflichtet, obwohl er das behauptet, sondern etwas, das größer ist: einem Zustand, der erreichbar wäre, wenn alle gut miteinander umgingen. Seine Kunst zielt auf die Utopie, auf das Nichtmachbare also; das weiß er, und das quält ihn. Er kennt den Weg zur idealen Welt, deshalb macht er investigatives Kabarett, aber keiner mag ihm folgen. "Man muss bis drei zählen können, um das zu begreifen. Aber dafür ist unser Schulsystem nicht geeignet."

Das Publikum hängt ihm an den Lippen. Man hört "Bravo"-Rufe, viele flüstern "Das stimmt!", und trotz enormer Hitze verlässt in der Pause niemand die Veranstaltung. Gemeinsam etwas schlecht zu finden, ist das stärkste Band, das es gibt, und schlecht findet Pispers: Parteien, Neonazis, Kapitalismus, USA, Russland, Merkel. Hauptschamknotenpunkt des öffentlichen Lebens ist für ihn der Reichstag. Das Zakk wird zur Druckkammer: Pispers' Pointen-Dichte ist hoch. Seine Silben sind vergiftet, seine Sätze reißen einerseits Gräben auf, andererseits überwinden seine Worte Grenzen und bilden einen stabilen Schutzwall gegen das Falsche an sich. Er kann zur gleichen Zeit ironisch, verletzlich und bitterernst sein. Manchmal verlässt er beim Artikulieren seines Unbehagens die Allgemeinen Geschäftsbedingungen des zivilisierten Gesprächs. Rot-Grün, Schwarz-Gelb, Ampel oder Große Koalition? "Scheiße in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen."

Das Wort "scheiße" benutzt er als dramaturgischen Brandbeschleuniger. Pispers kann zart und klug sein, aber er beherrscht ebenso gut das Vollkaracho-Kabarett. "Bei Pegida sind nicht bloß Nazis, heißt es. Das stimmt. Manche sind bloß strunzdoofe Hohlköpfe." Johlen im Saal. Zwischen Botschaft und Boshaftigkeit gelingen ihm immer wieder Sätze, die man an die Schlosskirche von Wittenberg nageln könnte, die per Twitter verschickt werden und die dort rasch von den Fans hundertfach geliket werden. Diese Sätze sind seine Hits, seine Single-Auskopplungen und Ohrwürmer: "Kapitalismus ist, wenn wenige auf Kosten anderer leben."

Pispers ist ein Liebhaber der Sprache, er hat nur sie, mit ihr kann er seinem Zynismus Auslauf geben, und deshalb pflegt er sie. Pispers' Kunst ist aus dem Hass geboren, und ihn macht Hass nicht blind, sondern hellsichtig. Er hat eine mit Schlangenöl abgeschmierte Emotionsindustrie aufgebaut, und das Virtuose an diesem Abend ist, dass er jeden roten Faden, den er irgendwo liegen lässt, garantiert irgendwann wieder aufnimmt. Es gibt Refrains in diesem Programm und Strophen, langsame und extrem beschleunigte Teile, und man merkt diesem Mann die Hingabe an, die Finesse, den Instinkt – und die Wut.

Pispers holt sein Publikum da ab, wo es die Zeitungslektüre ratlos beendet hat: ratlos angesichts dieser Wirklichkeit. Nicht wenige leben in den Tagen nach dem Besuch seiner Auftritte mit einer inneren Pispers-Stimme, die das Leben erbarmungslos kommentiert, die Meinung kundtut und Unrecht entlarvt.

"Bis neulich" heißt das Programm, dass er seit 2002 ständig aktualisiert. "Texte von 1992 könnte ich heute wieder genau so spielen", sagt Pispers. Es klingt ein bisschen enttäuscht.

Pispers ist einer, der die richtigen Fragen stellt und noch nie richtige Antworten bekommen hat. Vielleicht hat ihn das müde gemacht. Vielleicht hat er sogar den Glauben an die Menschheit verloren, das wäre schlimm. Und wenn zum Kabarett das Nervensägen, Klugscheißen und Besserwissen gehört, dann darf man Pispers das höchste Lob aussprechen: Er ist die größe Nervensäge, der größte Klugscheißer und Besserwisser von allen. Dass er aufhören könnte, mag man nicht glauben: Zuhause würde der Mann implodieren. Und auch den Windmühlen würde langweilig werden.

In diesem Sinne: Bis neulich, Herr Pispers.

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