| 07.25 Uhr

KaDeWe wird Kunst

In Berlin wird das berühmte Kaufhaus des Westens für 180 Millionen Euro - bei laufendem Betrieb - nach Plänen des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas umgebaut. Von Frank Dietschreit

Seit der Kaufmann Adolf Jandorf im Jahre 1907 sein Kaufhaus des Westens eröffnete, ist das einst in der grünen Vorstadt, doch inzwischen längst im urbanen Zentrum Berlins gelegene KeDeWe zu einem wahren Mythos der Warenwelt geworden. Spezialisiert auf ein gehobenes Sortiment ausgesuchter Luxuswaren, wurde die im neoklassizistischen Stil erbaute Trutzburg sehr schnell zu einem Synonym für Pracht und Fülle des Kapitalismus.

Im Laufe seiner Geschichte wechselte das Haus mehrfach seinen Besitzer, wurde oftmals aus- und umgebaut. Es entstand aus den Ruinen des Zweiten Weltkriegs in neuem Glanz und wurde zum Schaufenster des Westens in Zeiten des Kalten Krieges. In den Tagen nach dem Fall der Mauer bestaunten täglich bis zu 200.000 DDR-Bürger den Konsumtempel und legten zwischenzeitlich sogar den Verkauf lahm.

Aber auch jetzt, während die globale Finanzwelt mitunter ächzt und stöhnt, muss das für seine schillernden Waren und seine exquisite Feinkostabteilung legendäre Kaufhaus einen jährlichen Andrang von zehn Millionen Besuchern bewerkstelligen. Das KeDeWe ist ein Touristenmagnet und ein Hort scheinbar unbeschwerter Lebensfreude.

Die Massen strömen, die Kassen klingeln. Noch. Denn die Verführungen des Online-Handels sind groß und die Konkurrenz der Shopping Malls in der rasant wachsenden Metropole ebenfalls. Auch das größte Kaufhaus des europäischen Kontinents muss der Moderne Tribut zollen, den Konsum zur Kunst und die Warenwelt zur Erlebnismeile erklären. Die neuen Eigentümer haben sich deshalb entschlossen, das labyrinthisch unübersichtliche und innenarchitektonisch unmoderne Haus bei laufendem Betrieb komplett rundzuerneuern. Nach dem Rückzug des von Nicolas Berggruen geführten Karstadt-Konzerns hat eine internationale "KaDeWe-Group" - unter Beteiligung der österreichischen Signa Holding und der thailändischen Central Group - das Ruder übernommen und beschlossen, 180 Millionen Euro in die Neugestaltung des Hauses zu investieren. Der niederländische Star-Architekt Rem Koolhaas hat sich nicht zweimal bitten lassen und hat zusammen mit dem ausführenden italienischen Architekten Ippolito Pastellini Laparelli, dem Traditionshaus eine radikale, in diesem Frühjahr beginnende Verjüngungskur verordnet.

Um Ordnung im Konsum-Dschungel, um zeitgemäße Wohlfühl-Oasen und eine reizvolle Event-Atmosphäre zu schaffen, wird das Haus nicht nur neue, größere Schaufenster bekommen, sondern in vier verschiedene Quadranten gegliedert. Jedes dieser Viertel bildet eine Art Turm mit einem Atrium in der Mitte. Jedes Atrium wiederum ist anders gestaltet, spricht andere Zielgruppen an und ist teilweise mit schräg versetzten Rolltreppen versehen. Jeder Quadrant hat zudem einen eigenen Eingang, bekommt eine andere Materialien- und Oberflächenstruktur: "Man soll immer wissen, wo man ist", meint Laparelli.

Überdacht werden soll das Gebäude von einer Konstruktion aus Stahl und Glas, denn das Dach soll in Zukunft ein attraktiver Aussichts- und Anziehungspunkt sein, ein Ort zum Verweilen und zum Feiern, der keine vermeintlich antiquierten Öffnungszeiten kennt. "Wir haben das größte Restaurant in Berlin, und es ist sonntags geschlossen, und in der Woche ist hier mit dem Ladenschluss Ende", ärgert sich Vittorio Radice, Chef der italienischen Kaufhauskette La Rinascente (die wiederum im Besitz der Central Group ist) und zugleich oberster Philosoph der schönen neuen KaDeWe-Warenwelt: "60.000 Quadratmeter, die wir nur von 10 bis 20 Uhr an sechs Tagen nutzen, das ist ein Verbrechen."

Ginge es nach Radice, dann würde das KaDeWe schon bald zu einem permanent geöffneten Erlebnis-Paradies, in dem sich Genuss, Inspiration und Unterhaltung verbinden: Konsum und Konzert, neue Formen des Bezahlens und endlose Freizeit verschmelzen im modisch gestylten Ambiente.

Mit Unterstützung von Koolhaas, dem es darum geht, "die Identität des Hauses zurückzugewinnen", will Radice nicht nur die einzelnen Etagen und Stores vollständig renovieren, die gläserne Transparenz und stoffliche Sinnlichkeit des Ortes vorzeigen, sondern eine neue "Beziehung" und ein "Gefühl" zwischen Verkäufer und Kunde herstellen.

Das ist nichts Geringeres als ein Paradigmenwechsel im deutschen Handel: "Wir sind nicht dazu da, Luxus anzubieten, sondern Auszeiten." Klingt schön. Und lässt einen fast vergessen, dass es letztlich doch immer nur ums liebe Geld geht. Wer innerhalb von sechs Jahren 180 Millionen verbaut, möchte nicht nur einen architektonisch "großen Wurf" landen, sondern finanziellen Gewinn einfahren. "Unsere Aufgabe ist es, den Kunden so gut wie möglich zu unterhalten, dann kauft er ohnehin." Das klingt schon ehrlicher.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

KaDeWe wird Kunst


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.