Philosophen (8): Karl Marx – der Kapitalismuskritiker
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 07.01.2010 - 20:37Düsseldorf (RP). Kaum ein philosophisches Werk hat so weitreichende politische Wirkung entfaltet wie dasjenige von Karl Marx – allerdings kaum im ursprünglichen Sinne des Autors. In seinem Hauptwerk "Das Kapital" stellt er gängige Kategorien der Ökonomie seiner Zeit in Frage und kritisiert auch das bürgerliche Bewusstsein.
Man kann Karl Marx für einen Ökonomen halten und in ihm in erster Linie den Autor einer alternativen Volkswirtschaftslehre sehen. Doch es ist die Philosophie, die Marx lehrt, Kategorien zu hinterfragen und ihm damit den Weg weist zu einer besonderen Form der Ökonomiekritik. Deren Wirkmacht hat den Lauf der Geschichte beeinflusst, wenn auch nicht so, wie ihr Autor gehofft hat.
Marx forscht nach den verborgenen Mechanismen des Kapitalismus und fragt darüber hinaus, warum sie überhaupt verborgen sind, warum die Menschen sie spontan verkennen. Dazu untersucht er die ökonomische Wirklichkeit, versucht seine Einblicke auf einer abstrakteren Begriffsebene zu fassen und so die soziale Realität zu durchdringen. Sein ökonomiekritisches Werk ist also das eines Philosophen. Noch dazu eines Denkers, der durch sein Werk auf die Wirklichkeit Einfluss nehmen will. Marx sagt das so: "Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern."
Geschult hat Marx sein Denken an Hegel. 1818 als Sohn eines Rechtsanwalts in Trier geboren, studiert er ab 1835 in Bonn und Berlin pro forma Jura, beschäftigt sich aber vorwiegend mit der damals dominierenden idealistischen Philosophie. Nach der Promotion wird er 1842 Redakteur der Rheinischen Zeitung, eines liberalen Blattes, das gegen die preußische Monarchie kämpft. Durch seine publizistische Tätigkeit kommt Marx zunehmend in Kontakt mit ökonomischen Fragen, mit der Armut der Arbeiterklasse, ihrem Kampf um soziale Rechte und beginnt, Hegels Auffassung vom Staat als Verwirklichung einer über den Klasseninteressen stehenden "vernünftigen Freiheit" in Frage zu stellen. 1845 verfasst er mit seinem Freund und späteren Mäzen, dem Barmener Fabrikatensohn Friedrich Engels, unter dem Titel "Deutsche Ideologie" eine Abrechnung mit der Philosophie der Hegelianer.
Zu diesem Zeitpunkt hat Marx Deutschland bereits vorübergehend aus politischen Gründen verlassen, lebt in Paris, später in Brüssel. Kurz vor der Revolution von 1848 kehrt er noch einmal als Publizist nach Deutschland zurück, formuliert zusammen mit Engels das "Manifest der Kommunistischen Partei", muss das Land aber nach der gescheiterten Revolution als Staatenloser verlassen.
Wie viele in jener Zeit emigiriert er nach England. Im Mutterland des Kapitalismus kann er das System studieren, außerdem steht dem manischen Leser dort die riesige Bibliothek des British Museum zur Verfügung. Von London aus beteiligt sich Marx maßgeblich an der Gründung der Internationalen Arbeiter-Assoziation, betätigt sich als Publizist und arbeitet, finanziert von Freund Engels, an seinen Werken.
In England kommt Marx, Jahre nachdem er Hegels Idealismus verworfen hat, wieder auf den Philosophen seiner Jugend zurück. Diesmal wendet er Hegels Vorstellung vom Geist, der aus sich selbst die Wirklichkeit gebiert, dies aber erst rückblickend erkennt, als analytische Bewegung auf die Ökonomie an. Er beginnt mit der Arbeit am bedeutendsten Projekt seines Lebens, an einer auf mehrere Bände angelegten "Kritik der politischen Ökonomie".
Was Marx in seinem dreibändigen Hauptwerk "Das Kapital" vorhat, schreibt er in einem Brief an Arbeiterführer Ferdinand Lassalle: "Die Arbeit, um die es sich zunächst handelt, ist Kritik der ökonomischen Kategorien oder, if you like, das System der bürgerlichen Ökonomie kritisch dargestellt. Es ist zugleich Darstellung des Systems und durch die Darstellung Kritik desselben." Marx geht es vor allem darum, Fragen zu stellen, die bürgerliche Ökonomen wie Adam Smith gar nicht erst aufwerfen, wenn sie etwa feststellen, der Mensch habe im Unterschied zum Tier einen Hang zum Tausch, demnach sei es eine zutiefst menschliche Eigenschaft, in sämtlichen Dingen Waren zu sehen.
Marx hingegen stellt fest, dass in ökonomischen Prozessen wie dem Tausch oder der Warenproduktion bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse wie eingefroren sind. Die Menschen erkennen das jedoch nicht, sondern benutzen zum Beispiel Geld, ohne zu bemerken, dass sie damit eine bestimmte Produktions- und Herrschaftsweise verfestigen. Ihnen erscheint Geld einfach nur als ein naturgegebenes nützliches Ding. Marx nennt das "gespenstische Gegenständlichkeit", spricht vom "Fetischcharakter" der Ware und des Geldes und zeigt in seiner Theorie, dass es zum Beispiel keine natürliche Eigenschaft von Dingen ist, Ware zu sein, sondern eine gesellschaftliche. Denn ein Stuhl ist laut Marx nur in Gesellschaften, in denen Dinge privat isoliert produziert und dann getauscht werden müssen, eine Ware.
Mit Hegel unterscheidet Marx also zwischen Erscheinungsform und Wesen der Dinge, folglich auch methodisch zwischen Beobachtung wirtschaftlicher Abläufe und ihrer analytischen Durchdringung. Marx wendet sich mit dieser Methode gegen Ökonomen, die vorgeben, sie entnähmen ihre Begriffe schlicht der beobachtbaren Wirklichkeit und müssten diese nur systematisieren. Marx hält dieses Vorgehen für naiv und ideologisch, weil es bestehende Strukturen nicht in Zweifel zieht. So stellt er im dritten Band des "Kapital" fest, dass die Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft in "einer verzauberten, verkehrten und auf den Kopf gestellten Welt" leben und einer "Religion des Alltagslebens" aufsitzen. Mit dem "Kapital" strebt Marx also nicht nur eine neue ökonomische Wissenschaft, sondern auch eine Kritik des bürgerlichen Bewusstseins an.
Dazu versucht er zu rekonstruieren, wie Kapitalismus funktioniert. Er beschreibt etwa, dass der Kapitalist gezwungen ist, Profit zu machen, weil er im Konkurrenzkampf in bessere Maschinen investieren muss, um nicht verdrängt zu werden. Ziel des Kapitalismus ist also Vermehrung des Kapitals, nicht etwa die Befriedigung der Bedürfnisse von Menschen. Marx zeigt, dass dies im System angelegt ist, nichts mit der vermeintlichen Raffgier einzelner Kapitalisten zu tun hat und warnt vor dem destruktiven Potenzial eines solchen Systems: "Die kapitalistische Produktion entwickelt nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquelle allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter."
Als Sozialphilosoph beschäftigt sich Marx auch mit den Folgen eines solchen Systems für die Freiheit. So schreibt er, dass der Mensch im Kapitalismus zwar persönliche Freiheit gewonnen hat, weil es, anders als im Feudalismus, keine Leibeigenschaft mehr gibt. Doch ist der Mensch im Kapitalismus sachlich abhängig, er muss seine Arbeitskraft verkaufen, unterliegt den anonymen Zwängen des Marktes, die er nicht durchschaut, lebt ein entfremdetes Leben und handelt von außen bestimmt als "Charaktermaske".
Dagegen stellt Marx seine Vision von einer Gesellschaft, in der gelten soll: "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen."
Weil sich Marx in seinen Schriften ebenfalls mit historischen Entwicklungen beschäftigt, ist er auch als Geschichtsphilosoph und Prophet gelesen worden. Diese Sicht gründet sich vor allem auf Passagen im "Kommunistischen Manifest", in dem er die Verelendung der Arbeiterklasse behauptet und aus der Geschichte der Klassenkämpfe einen Fortschrittsautomatismus ableitet, der unweigerlich in Revolution und den Sieg der klassenlosen Gesellschaft mündet. In späteren Schriften hat Marx diese Ideen revidiert, doch ist dies lange nicht wahrgenommen worden.
Das hat mit der komplizierten Rezeptionsgeschichte seines Werkes zu tun. 1883 stirbt Marx in London. In dieser Zeit entwickelt sich in Europa eine eigenständige Arbeiterkultur. Damit wächst das Bedürfnis nach klassenbewusster Weltanschauung. Einige populär verfasste Schriften von Engels wie der so genannte "Anti-Dühring" stillen dieses Bedürfnis und setzen eine immer weiter verflachende Bezugnahme auf Marx in Gang. Bald werden nur mehr Versatzstücke seines Werks verwendet.
In diesem Weltanschauungsmarxismus ist auch der russische Arbeiterführer Lenin verwurzelt, der 1913 schlicht formulierte: "Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung." Das hätte Marx wohl mit jenem Satz quittiert, den er auch zweifelhaften Anhängern in Frankreich entgegenhielt: "Wenn das Marxismus ist, dann bin ich kein Marxist." Doch Lenins Kampfschriften, die aus marxistischer Phraseologie und revolutionärer Rhetorik bestehen, werden prägend für die im Osten verbreitete marxistische Lehre, den Marxismus-Leninismus.
Im Westen setzen sich nach dem Ersten Weltkrieg Philosophen wie Karl Korsch, Georg Lukács und Antonio Gramsci sehr viel differenzierter mit Marx auseinander und bereiten etwa der Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse den Weg. Doch nach dem Scheitern des Realsozialismus im Ostblock und damit dem Ende des Weltanschauungsmarxismus Leninscher Prägung scheint das Interesse an Marx zunächst versiegt.
Die Fragen an den Kapitalismus aber haben sich nicht erledigt, sondern bekommen gerade vor dem Hintergrund von Globalisierung, Umweltzerstörung und aktuellen Krisen neue Dringlichkeit. So gibt es auch in der Gegewart wieder Theoretiker wie Antonio Negri und Robert Kurz, die mit Marxschen Kategorien hantieren und hohe Auflagen erzielen. Bis heute wird das "von Leidenschaften umtoste Werk", wie der Historiker Gustav Meyer formulierte, allerdings immer wieder weltanschaulich vereinnahmt. Letztlich liegt dies wohl in Marx' Anspruch begründet, durch sein Denken die Welt zu verändern. Weil es dieses Potenzial hat, sorgt es für Debatten bis heute.
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