Ruhrfestspiele: Kevin Spacey im Revier
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 04.05.2006 - 10:50Recklinghausen (RP). Bei den Ruhrfestspielen verkörpert der Hollywood-Star in „Richard II.“ Shakespeares Titelhelden. Derweil steht er aber wegen seiner umstrittenen künstlerischen Leitung des Londoner Traditionstheaters Old Vic in der Kritik.
Der Mann ist reichlich rätselhaft und entzieht sich jeder Schubladenzuordnung. Schon in seiner zwanzigjährigen Kinokarriere hat Kevin Spacey den Zuschauern viel zugemutet: 1995 in „Die üblichen Verdächtigen“ band er den Zuschauern über knapp zwei Stunden einen grandiosen Bären auf - bis zur Metamorphose ganz am Schluss. 1999 in „American Beauty“ sezierte er die amerikanische Vorstadtidylle bis hin zu ihrem verfaulten Kern. Und 2001, in „K-Pax“, verschlang er als unverstandener Außerirdischer ungeschälte Bananen am Stück.
Für seine Rollen scheinbarer Durchschnittlichkeit in „Die üblichen Verdächtigen“ und „American Beauty“, nicht für „K-Pax“, hat er den Oscar gewonnen; dennoch ist Spacey stets ein bisschen der von außen Hereingeschneite geblieben.
Das fängt mit seiner Vita als Spätberufener an: Seinen ersten Kinofilm drehte er mit Ende zwanzig, was für Hollywood geradezu ein Greisenalter ist. Gleichzeitig verkörpert er wie nur wenige seiner Kollegen (parteipolitisch verstanden) das demokratische Gewissen Hollywoods. Vor drei Jahren focht Spacey in „Das Leben des David Gale“ gegen die Todesstrafe, und schon als Bill Clinton samt seinen Parteigängern das Weiße Haus verlassen musste, trat Spacey im Abschiedsvideo des US-Präsidenten auf und nahm ihm den eigenen Oscar aus der Hand. Als die großen Kinoerfolge ausblieben, ging Spacey 2003 ans schlingernde Londoner Traditionstheater Old Vic und übernahm dort die künstlerische Leitung.
Freilich endete sein neuestes Projekt dort in einer mittleren Katastrophe: Die Inszenierung von Arthur Millers „Auferstehungsblues“, die erste Theaterarbeit von Regielegende Robert Altman, fiel bei der Kritik heftig durch, das Publikum blieb aus. Ostern fiel der letzte Vorhang, und das eine Woche früher als geplant. Mal wieder ist an der Themse von Krise die Rede, und Kevin Spacey selbst steht im Kreuzfeuer.
Nun ist dieser angeschlagene Außerirdische nach Recklinghausen gekommen: Bis zum Sonntag wird Spacey noch in der Stadt bleiben. Nach anderthalb Jahren Vorbereitung steht die Koproduktion des Old Vic mit den Ruhrfestspielen, Mittwochabend war Premiere. Die sieben Vorstellungen (auf Englisch) sind allesamt ausverkauft. Natürlich. Sir Trevor Nunn inszeniert; er gründet seinen Ruhm sowohl auf Theaterinzenierungen als auch auf Musicalprojekte und Filmregie.
Der zugehörige Riesenrummel ist nun nicht allein wegen der Teilnahme des Old Vic an den Festspielen ausgebrochen. Vielmehr wird der Star dieses Mal selbst auf der Bühne stehen. In Shakespeares „Richard II.“ spielt er die Titelrolle. Spacey kehrt so mit knapp fünfzig zu seinen künstlerischen Anfängen bei den Königsdramen zurück: Vor fünfundzwanzig Jahren debütierte er auf der Bühne mit einer Nebenrolle in „Henry IV.“
„Richard II.“, 1601 uraufgeführt, porträtiert den englischen König als Gescheiterten, der allzu spät den Wert seiner Privilegien erkennt. Am Ende wird er von gedungenen Häschern ermordet.
Spacey pflegt sich abzuschotten
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, müsste man nun im Gedenken an den Hosenbandorden der englischen Könige hinzufügen. Spacey, das Phänomen, als König ohne Reich? Als Philosoph ohne Thron?
Bereits in der vergangenen Woche hatte Spacey in Recklinghausen mit wahrhaft souveränem Auftreten für Furore gesorgt. Zunächst verschob er seine Konferenz um Stunden, dann weigerte er sich, mit Hörfunk und Fernsehen zu reden, lenkte am Ende aber ein.
Dieses Maß an Öffentlichkeit scheint ihm vorerst ausreichend gewesen zu sein - Spacey schottet sich grundsätzlich und so auch in Recklinghausen ab; Fragen über seine Unterkunft werden von der Festspielleitung nicht beantwortet. Bleibt also die Frage, ob die großen Namen auch große Kunst garantieren. In London scheint man skeptisch geworden zu sein, auch und gerade in Bezug auf „RichardII.“.
Was die öffentliche Aufmerksamkeit angeht, ist dieser Kevin Spacey aber allemal das, was der Herzog von Lancaster in „Richard II.“ über sein England sagt: „Ein Kleinod, in die Silbersee gefasst“. Doch da hat der König sein Reich schon längst verloren.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum






