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Eine Frage des Stils
Kindererziehung - im Beisein der Eltern

Eine Frage des Stils: Kindererziehung - im Beisein der Eltern
Grantiges Kind (Symbolfoto) FOTO: Shutterstock.com/ PathDoc
Düsseldorf. Darf man Kinder anderer Menschen maßregeln? Man darf, wenn die Kinder die eigenen Grenzen nicht beachten. Schöner wäre aber, die Eltern machten ihren Job. Von Barbara Grofe

Die Pflanze hatte es August angetan. Der Zweijährige rupfte Blätter ab, eins nach dem anderen, und die Erde aus dem Topf pulte er heraus und warf sie auf den Holzboden. August besuchte mit seiner Mutter Sonja deren Freundin Anna. Und Anna passte es nicht, dass das Kind die Pflanze systematisch auseinandernahm. Sie bat August, die Pflanze in Frieden zu lassen. Einmal, zweimal, beim dritten Mal wurde ihr Ton schärfer und aus dem Bitten eine Ansage. Dann meldete sich Sonja zu Wort, sie kümmere sich selbst - und überdies wolle sie nicht, dass ein Außenstehender ihrem Kind erzieherische Ansagen mache. Und die Gemaßregelte fragte sich: Ist Augusts Mutter im Recht? Darf sie dem Jungen wirklich nicht sagen, was sie stört, wenn die Mutter dabei ist?

Nicht unwichtig ist in diesem Zusammenhang, wo sich das Ganze abspielt. Wenn August zuhause im Beisein seiner Mutter die Pflanze malträtiert und Anna ist der Besuch, ist die Lage ganz klar: Dann müssen sich die Eltern mit der kaputten Pflanze und dem Kind beschäftigen. Anna kann Augusts Verhalten natürlich blöd, schrecklich unerzogen und überflüssig finden - wenn sie August aber maßregelt, ihm ihre Regeln über den Umgang mit Pflanzen aufdrückt, wäre das übergriffig gewesen.

Wer kann denn wissen, ob es den Eltern womöglich egal ist, wenn das Kind so eine Grünsauerei veranstaltet? Ihm Einhalt zu gebieten, ist dort aber dann okay, wenn August Anna mit der Erde aus dem Blumentopf bewirft oder ihr Blätter ins Shirt stopft - wenn er also ihre Grenze nicht respektiert. Gleiches gilt für die eingangs beschriebene Situation bei Anna zuhause. Dort gelten ihre Regeln. Sie sagt, was geht und was nicht geht. Nur sie kann schließlich wissen, was ihr persönlich zu viel ist, welche Gegenstände tabu für kleine (oder auch große) Besucher sind, und es ist ihre Sache, das auch zu kommunizieren.

Unsere Kolumnistin Barbara Grofe. FOTO: RP

Besser ist allerdings, wenn sie das gar nicht erst so deutlich tun muss. Wenn Sonja auf Annas erstes vorsichtiges Bitten, die Pflanze nicht kaputt zu zupfen, umgehend reagiert und ihr Kind davon abgehalten hätte. Wenn sie wahrgenommen hätte, dass August eine Grenze ihrer Freundin überschreitet und wenn sie sich dann tatsächlich darum gekümmert hätte. Dass sie genau das nicht getan hat, ist nicht besonders nett. Weil Sonja damit sagt, dass ihr Annas Bedürfnisse ein bisschen zu egal sind; vor allem aber, weil sie ihre Freundin damit in die sehr unangenehme Situation bringt, dem Kind eine Ansage zu machen. Oder besser noch: eine Ansage machen zu müssen.

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Quelle: RP
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