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Berlin
Der Beste für Berlins Philharmoniker

Berlin. Kirill Petrenko, den 43-jährigen Russen und Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, hat das Berliner Orchester gestern zu seinem neuen Chefdirigenten gewählt. Wann er Simon Rattle beerbt, muss noch verhandelt werden. Von Wolfram Goertz

Die Berliner Philharmoniker haben gestern den 43-jährigen Russen Kirill Petrenko zu ihrem neuen Chefdirigenten gewählt. Er wird Nachfolger von Simon Rattle, der das Orchester 2018 verlässt und das London Symphony Orchestra übernimmt. Wann Petrenko sein Amt antritt, muss offenbar noch verhandelt werden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen um diese wichtige Personalie.

Ist Petrenko wirklich die richtige Wahl? Ja. Er ist vermutlich der beste Mann für dieses Amt, aber niemand konnte glauben, dass die Philharmoniker ihn wirklich wählen würden. Es gibt eine pikante Vorgeschichte: Im vergangenen Dezember hat Kirill Petrenko eine Aufführungsserie mit dem Berliner Orchester von Gustav Mahlers monumentaler 6. Symphonie a-moll als einzigem Stück auf dem Programm zu Beginn der Proben wieder abgesagt - und zwar ohne zwingende Gründe. In dieser Saison waren ohnedies fast nur potenzielle Kandidaten für die Rattle-Nachfolge angetreten, und vermutlich wollte sich Petrenko aus diesem belastenden Umfeld selbst befreien. Druck hasst er; Petrenko liebt es, frei entscheiden zu können.

Was zeichnet ihn denn aus? Die Verbissenheit im Detail, über die er nie die große Linie vergisst. Petrenko trägt in München, wo er noch bis zum Jahr 2018 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper ist, nicht zu Unrecht den Beinamen "Penetrenko". Er kann sich für einen Takt schon mal eine Viertelstunde Zeit nehmen, und natürlich gibt es Musiker, die dann nervös werden. Andererseits sind Petrenkos Reformvorschläge auch auf winzigem Raum oft so überwältigend logisch, dass alle hinterher sagen: Gut, dass wir das jetzt repariert haben!

Ist Petrenko nicht eher Opernspezialist? Ja, das ist er, und wenn man sich einmal seinen Werdegang und seine Diskografie anschaut, könnte man ins Zweifeln geraten, ob die Berliner Philharmoniker als Konzertorchester mit gelegentlicher Opernambition bei Kirill Petrenko gut beraten sind. Der Russe hat beispielsweise mit dem Frankfurter Opernorchester Hans Pfitzners "Palestrina" eingespielt, daneben kaum bekannte symphonische Werke von Josef Suk - eine Referenzliste ist das nicht. Im Jahr 2011 hat er mit den Duisburger Philharmonikern bei der Ruhrtriennale "Tristan und Isolde" aufgeführt, davon erzählen die Musiker noch heute so glühend, als sei es gestern gewesen. Andererseits sind gute Dirigenten nie Schmalspur-Artisten. Ein unbestechliches Gehör, die Fähigkeit zur Disposition und zur Balance der Klänge, zur Gestaltung einer Probe, auch die Energie, einem Orchester Schwächen oder Schlampereien mit gnadenloser Freundlichkeit auszutreiben - derlei Kompetenzen sind überall vonnöten, im Konzert und in der Oper.

Was hat den Ausschlag gegeben? Zum einen ist Petrenko in Berlin von seiner Zeit als musikalischer Chef der Komischen Oper bekannt, wo er wahre Wunderdinge vollbracht hat; dort haben auch Musiker der Philharmoniker immer mal wieder ausgeholfen. Zum anderen hat Petrenko im Jahr 2013 bei den Bayreuther Festspielen den Wagnerschen "Ring des Nibelungen" so unfassbar genial dirigiert, dass sogar der heimliche Lokalmatador Christian Thielemann in Vergessenheit geriet. Natürlich haben damals auch Musiker der Berliner Philharmoniker mitgespielt.

Ist die Wahl Petrenkos auch ein politischer Akt? Ja natürlich, sie ist nicht zuletzt eine subtile Spitze des preußischen Berlin gegen das bayerischen München, wo Petrenko derzeit über alle Maßen geliebt wird. Kürzlich wurde er nach "Lulu" mit eigenen Ovationen gefeiert. Dort wird der Star jetzt weggepflückt, dabei hatten die Münchner gehofft, Petrenko werde ihnen länger erhalten bleiben. Beide Ämter parallel zu führen - das wird nicht funktionieren.

Wann wird Petrenko in Berlin beginnen? Das steht in den Sternen. Es kann sein, dass er vielleicht erst im Jahr 2019 oder gar 2020 in Berlin anfängt und so die Münchner nicht allzu bald von ihm Abschied nehmen müssen. Ein oder zwei Spielzeiten ohne Chefdirigenten werden die Berliner Philharmoniker vermutlich überstehen, ohne ernstlich Schaden zu nehmen. Petrenko ist ja mit seinen 43 Jahren noch sehr jung, da kommt es auf den Schnellschuss nicht an.

Warum hatte sich das Orchester nicht schon beim ersten Wahlgang vor einigen Wochen für Petrenko entschieden? Keiner weiß, wie dieser Tag damals gelaufen ist. Unterdessen hört man von Berliner Gewährsleuten, das Orchester hätte an diesem ominösen Tag aus der Wahlversammlung zwei Dirigenten angerufen, aber von beiden einen Korb bekommen. Der eine soll Riccardo Chailly, der andere Petrenko gewesen sein. Vielleicht hat man den Russen bekniet und ihm alle Teppiche ausgerollt, vielleicht wollte er zunächst nicht kommen, weil er eine Überlappung mit seinen Münchner Obliegenheiten befürchtete.

Wann kann man Petrenko hierzulande hören? Am besten in Radio-Konzerten von den Bayreuther Festspielen. Auch in diesem Sommer wird der "Ring des Nibelungen" unter seiner Leitung vom Grünen Hügel live übertragen.

Quelle: RP
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