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Modernisierung eines Klassikers
Kleiner Prinz sucht nach Liebe

"Der kleine Prinz" ist moderner geworden. Mit mutigen Zeichnungen und der Arbeit eines überraschenden Übersetzers: Peter Sloterdijk. Von Lothar Schröder

Dieses Buch gehört zu den berühmtesten des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte des "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry (1900-1944) ist in 180 Sprachen übersetzt und bislang fast 100 Millionen Mal verkauft worden. Diese Zahl dürfte ordentlich zunehmen angesichts der vielen Neuerscheinungen, die es in diesem Jahr - nach Wegfall der Autorenrechte - gibt. Die vielleicht spannendste stammt aus überraschender Feder: Der Karlsruher Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk (68) hat sich jenes Prinzen angenommen, der nach seiner Reise durchs All und vielen Besuchen auf anderen Sternen schließlich zur Erde kommt. Dort überrascht er die Menschen mit seinen Weisheiten.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn man bei einer Neuübersetzung nicht sofort das Neue erkennt?

Sloterdijk Bei einem so klassischen Buch wie diesem sind Veränderungen in der Übersetzung ohnehin kaum wahrnehmbar. Das liegt vor allem daran, dass Saint-Exupéry im ,Kleinen Prinzen' eine Sprache benutzt hat, in der das Französische in seine extremstreduzierte Form zurückgeführt ist. Es sind alles übervereinfachte, in einem Kindermärchenton gehaltene Sätze. Und da das Französische syntaktisch viel monotoner ist als das Deutsche, besteht die Aufgabe des Übersetzers darin, ein bisschen Bewegung und ein bisschen zusätzliche Animation vor allem durch die Wortstellung im Satz einzuführen. Das kann man dann nur nachweisen, wenn man es mit anderen Übersetzungen Wort für Wort vergleicht. Dann sieht man natürlich den Vorteil der neuen Fassung, die einerseits sehr eng am Original ist, andererseits aber so klingen soll, als sei der Text ursprünglich auf Deutsch geschrieben worden.

Sind Sie der Geschichte durch die intensive Arbeit der Übersetzung noch einmal neu begegnet?

Sloterdijk Ja, unbedingt. Wenn man einige Wochen lang über so einen Text sitzt, dann schaut man wie in ein tiefes Wasser hinunter. Und da es ein sehr klares Gewässer ist, sieht man auch tief hinein. Dabei tauchen dann die unterirdischen Formationen des Textes auf, die bis in die Romantik zurückgehen - wie die Idee der Kindwerdung. Dazu gehört die urromantische Vorstellung, dass der Mensch eigentlich zum Kind heranwachsen muss. Das wird halt deutlich und verbindet sich mit einer alten europäischen Tradition. Ich glaube, Saint-Exupéry hat das mit hoher Bewusstheit verwendet.

Würden Sie den "Kleinen Prinzen" als eine zeitlose Parabel bezeichnen; oder zeigt es sich jetzt, dass er doch der Zeit seiner Entstehung verhaftet bleibt?

Sloterdijk An dem Buch ist besonders eines zeitgebunden: Das sind die Zeichnungen von Saint-Exupéry selbst. Die haben in meinen Augen eine viel stärkere Bindung an den Zeitpunkt ihrer Entstehung als alles Übrige. In den Originalbildern ist eine kitschige Komponente angelegt, die die Reise durch das vergangene Jahrhundert viel schlechter überstanden hat als der Text. Darum habe ich mich zur Neuübersetzung nur bereiterklärt, wenn gleichzeitig auch die Illustrationen entstehen. Die Bilder von Nicolas Mahler sind für mich schließlich das, was das neue Buch zu einem Ereignis macht. Dass neben dem Text auch Bilder eines zeitgenössischen Cartoonisten stehen, halte ich für überaus geglückt. Das Buch wird dadurch um eine Dimension zeitloser, weil dieses Süßliche der Originalaquarelle aufgehoben ist und so eine neue Synthese zwischen dem Kinder- und dem Erwachsenenbuch erzeugt wurde.

Damit wurde aber auch die ursprüngliche Einheit von Autor und Zeichner unterbrochen ...

Sloterdijk ... das stimmt, doch muss man bei all dem auch bedenken, dass die Sprache Saint-Exupérys in einer extremen Reduktion gehalten und praktisch nicht weiter modernisierbar ist. Die meisten Übersetzer des Buches haben meines Erachtens einen falschen Kinderbuchton gewählt oder haben versucht, dieses ultraklassische Französisch in ein etwas schnoddriges Deutsch zu übertragen. Ich war bemüht, die immanente Klassizität des Buches in einer deutschen Wiedergabe zu treffen.

Wie stark oder dominant ist die christliche, messianische Symbolik des "Kleinen Prinzen" - mit seiner Ankunft auf der Erde, seinen Botschaften, seinem Sterben, der Auffahrt in den Himmel und der Sehnsucht der Menschen nach der Rückkehr des Prinzen?

Sloterdijk Es ist nicht unbedingt das Christliche, das die Poesie dieses Buches ausmacht. Es knüpft eher an die alte Tradition der Troubadour-Lyrik an: Der kleine Prinz unternimmt gewissermaßen eine Art Kreuzfahrt ins Heilige Land - wegen einer Liebesenttäuschung. Auf diesem Weg destilliert er die Wahrheit über seine Liebe heraus. In der Geschichte findet sich durchaus ein Element des klassischen, metaphysischen Masochismus. Zwar ist es dem Prinzen möglich, sich in seinem Körper nach unten zu bewegen - also vom Himmel auf die Erde -, beim Rückweg aber kann er den eigenen Körper nicht mehr mitnehmen. Der Vertrag des kleinen Prinzen mit der Giftschlange symbolisiert diesen metaphysischen Masochismus.

Gibt es dabei auch Anknüpfungspunkte an den Schelmenroman?

Sloterdijk Das ist ganz sicher so; nur dass der Held hier in einen kosmologischen Rahmen gesetzt wird. Im Buch ist etwas von einem melancholischen Schelmenroman enthalten. Der Prinz ist ein Verwandter des Simplicissimus.

"Der kleine Prinz" ist ja auch ein großes Wahrheitsbuch, bei dem man sich mit seinem eigenen Verhalten auch immer wieder ertappt fühlt.

Sloterdijk Natürlich! Die Wanderung durch die Asteroiden ist eine Charakterkomödie - mit dem Auftritt etwa des Königs, des Geschäftsmannes, des Trinkers und des Laternenanzünders ...

... den Geographen als Forscher nicht zu vergessen.

Sloterdijk Das ist eine herrliche Wissenschaftssatire. Um Vergleichbares zu lesen, muss man in der Literaturgeschichte bis zur Studierstube in der ersten Szene von Goethes Faust zurückgehen, um eine so köstliche Gelehrtensatire zu finden.

An dem berühmten Satz "Man sieht nur mit dem Herzen gut" kamen Sie aber nicht vorbei und haben ihn so von der ersten Übersetzung wörtlich übernommen.

Sloterdijk Man kommt an vielen klassisch gewordenen Wendungen nicht vorbei. Es geht bei einer Neuübersetzungen ja nicht um eine falsche Originalität. Die Aufgabe des Übersetzers ist eine Bescheidenheitsübung, indem man die eigene Sprache in den Dienst einer anderen stellt und versucht, die andere zum Leuchten zu bringen. Wobei man all die Sätze, die einfach nicht mehr zu verbessern sind, bescheiden übernehmen muss.

Quelle: RP
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