| 10.11 Uhr

Düsseldorf
Kleists "Käthchen" als Wasserballett

Düsseldorf. Simon Solberg setzt das Stück aus glitzernden Sinn-Fragmenten zusammen. Von Regine Müller

Knöcheltief steht das Wasser auf der großen Bühne im Central. Es ist dunkel, in der Mitte liegt ein seltsames, undefinierbares Knäuel im Nass, etwas Kreatürliches womöglich, das zu atmen scheint. Dann bewegt sich das Knäuel und entpuppt sich als Gewirr von monströsen Belüftungsschläuchen, die durch ihr spiralförmiges Skelett in alle Richtungen auf unheimliche Weise beweglich, riesig aufzupumpen und wieder schrumpfbar sind. Diese Plastik-Schläuche sind das einzige, aber geniale Ausstattungsthema in Simon Solbergs Inszenierung von Heinrich von Kleists Märchendrama "Das Käthchen von Heilbronn" in Düsseldorf. Große Schläuche werden zum Wald oder zur Burg, umwölkt von Fantasy-Nebeln und grundiert von sparsam zirpenden Klängen. Kleinere Exemplare des Gewürms tragen die Figuren wie Schmuck um den Hals, als Kettenhemd (Graf Wetter vom Strahl), große Schneckenhaus-Robe (Kunigunde) oder verträumtes Hippie-Armband (Käthchen).

Man kann diesen Ausstattungs-Coup (Bühne: Sabine Kohlstedt, Kostüme: Katja Strohschneider) als ästhetische Setzung lesen, die zwecks Vermeidung von Ritterburg-Kitsch eine überzeitliche Abstraktion will und mit den Schläuchen auf das Raunen des Unbewussten verweisen will, das in Kleists von Träumen getriebenen Figuren waltet. Man kann ihn aber auch als witzigen Verweis auf Solbergs formale Lösung lesen: Denn der Regisseur dampft das etwa fünf Stunden lange Stück auf 100 Minuten ein.

Solberg hat nicht nur gekürzt, sondern sein Kondensat mit Sentenzen von Kant und Zitaten aus Kleist-Briefen angereichert, um das Ringen um Traum und Glück auf die inneren Konflikte des Autors zu beziehen. Häufig wechselt Solberg auch die Perspektive, um das Stück von erzählerischen Zwängen zu befreien. So wechselt episches Frontaltheater mit Wasserballett und effektvollem Technikgewitter.

Solberg hat ein minutiöses Timing jenseits der Erzähllogik ausgetüftelt. Um den Preis freilich, dass der Abend auf interessante Weise zerfällt. Diesmal glücklicherweise nicht in lärmige Revue-Nummern, sondern in blitzende Fragmente, die neugierig auf den Edelstein machen, von dem sie abgesplittert sein mögen.

André Kaczmarczyk ist als Wetter vom Strahl ein zutiefst verstörter Anti-Held, der Lieke Hoppes gar nicht kuh-äugig naives Käthchen in Sachen Verträumtheit noch übertrifft. Minna Wündrich ist eine faszinierend kühle, beherrschte, ganz heutige Kunigunde, Rainer Philippi (Theobald), Thiemo Schwarz (Rheingraf vom Stein) und Jonas Friedrich Leonhardi (Gottschalk) ergänzen die famose Ensembleleistung trefflich.

Sehenswert.

Quelle: RP
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