| 10.40 Uhr

Sopranistin Sabine Devieilhe
Königin der Nacht

Köln. Die großartige französische Sopranistin Sabine Devieilhe porträtiert auf einer wundervollen CD Mozarts Verhältnis zu den drei Weber-Schwestern. Die eine war seine Jugendliebe, die andere heiratete er, die dritte sang in der "Zauberflöte". Von Wolfram Goertz

Mozart war ein schlimmer Finger, sagten die einen. Mozart wurde verführt und verdorben, sagten die anderen. Das Schlimmste trat ein, seufzten alle. Heute sagt jeder, der Ahnung hat: Mozart und seine Constanze führten eine ehrliche, erfüllte, liebevolle Ehe; er war kein Hallodri und sie kein Luder, obwohl genau das Mozarts Vater Leopold immer wieder behauptet hatte, um den Sohn von der Mannheimer Familie Weber fernzuhalten.

Von der Wirrnis und dem Glück, das Mozart mit Constanze und ihren Schwestern Aloysia und Josepha erlebte, kündet eine neue Platte, die uns zudem eine grandiose Sängerin beschert: Sie heißt Sabine Devieilhe, ist 30 Jahre, stammt aus Caen in der Normandie und singt uns das Nachtblaue vom Himmel herunter - etwa das Blau aus dem historischen Bühnenbild der "Zauberflöte", in der die Königin der Nacht für atemlose Spannung sorgt. Die Platte bietet sozusagen eine musikalische Lebensreise entlang der Lieder und Arien, die Mozart für die drei jungen Damen schrieb.

Die drei Weber-Schwestern also. Sie waren es, die Mozarts Genie mit großer Herzlichkeit und Treue begleiteten. Sie animierten ihn, trösteten ihn, sie stimulierten ihn - und zwar in jeder Hinsicht. Dabei begann die ganze Geschichte mit einem Korb. Mozart, 1777 in Mannheim vorstellig geworden, unterrichtete zunächst Aloysia und komponierte Arien für sie, dann verguckte er sich in sie und begann zu werben. Ihr Zögern, das gewiss Ausdruck widerstreitender Gefühle war, empfand Mozart als Enttäuschung, die er keinem eingestehen konnte. Laut seinem Biografen Nissen setzte er sich ans Klavier und sang laut: "Ich lass das Mädel gern, das mich nicht will." War es wirklich so?

Ihn wollte aber Constanze, Aloysias jüngere Schwester. Mozart heiratete sie, angeblich aus Vernunftsgründen, sie wurden ein Paar mit allen Höhen und Tiefen. Von der Hochzeit sagte Mozart: "Als wir verbunden wurden fieng so wohl meine frau als ich an zu weinen; - davon wurden alle, sogar der Priester, gerührt. - und alle weinten, da sie zeuge unserer gerührten herzen waren." Obwohl Mozart ein inniges Verhältnis zum Theatralischen besaß, dürfte hier jedes Tränchen echt gewesen sein. Und das "Et incarnatus" der c-Moll-Messe hat er für Constanze geschrieben. Das Schöne war, dass Aloysia und Mozart, nun verschwägert, als Menschen und Künstler beieinander blieben. Der Kloß im Hals war verschwunden, Mozart war nicht nachtragend, und Aloysia heiratete einen anderen. Josepha schließlich war ein stilles Pflänzchen, das aber offenbar eine Wahnsinnsröhre besaß und bei der Uraufführung 1791 die Partie der Königin der Nacht sang.

Durch die Allee der Musikwerke, die dank Mozart auf dieses Dreimäderlhaus-Trio zuführt, schreitet der Musikfreund nun mit einem doppelt wohligen Gefühl. Erstens wird ihm hier ein intelligentes Programm geboten, mit Koloratur-Gymnastik und Lied-Einfachheit, mit Übungsstücken (etwa dem Solfeggio F-Dur KV 393) und zähnefletschenden Bravournummern. Selbst aus simplen Etüden schimmert Mozarts Genie; er konnte halt nicht unter seinem Niveau komponieren.

Zweitens singt das keine normannische Land-Soubrette, bei der die Klugheit des Programms das einzige hervorstechende Merkmal ist. Nein, Sabine Devieilhe wird derzeit so schnell nach oben durchgereicht, dass sie es möglicherweise selbst kaum begreift. Studierte sie nicht kürzlich noch am Pariser Conservatoire? Ja, aber sie errang den begehrten ersten Preis, und weil in dortigen Examenskonzerten immer Agenten sitzen, die nach Talenten Ausschau halten, griff einer zu, der hörte, dass Devieilhe alles besaß: weit ausschwingende Stimme, Wärme im Timbre, Leichtigkeit, Witz. Und eben jenes Einzigartige, das einem Hörer klarmacht: Diese Stimme erkenne ich wieder! 2014 bekam sie den Echo Klassik als beste Nachwuchskünstlerin.

Die Platte mit dem Titel "Mozart - The Weber Sisters" (bei Warner) besitzt aber einen Clou. Es gibt nämlich - eine Rarität in der Klassik - einen "Hidden Track", also eine versteckte Nummer, die der Laufplan nicht ausweist. Die Beatles haben solche Zugaben auf eine Platte genommen, Herbert Grönemeyer, Coldplay und Robbie Williams auch. Hier beginnt Sabine Devieilhe 20 Sekunden nach dem Schluss des "Et incarnatus" aus dem Nichts Mozarts herzhaften Kanon "Leck mich im Arsch" KV 231 - und das Orchester singt mit. Irgendwann explodiert Devieilhes Singen, es turnt jetzt improvisierend durch die Luft, und weil es harmonisch so gut passt, legt das Orchester (namens Pygmalion unter Raphaël Pichon) plötzlich das Finale aus der "Jupiter-Sinfonie" drunter. Die gehört zwar nicht hierhin, sitzt aber wie eine Eins. Unfassbar lustig, eines Mozart würdig!

Es gab übrigens noch eine vierte Schwester, die keine Musik machte, aber für Mozarts letzte Tage wichtig war wie kaum eine andere: Sophie, die Jüngste. Sie stand gemeinsam mit Constanze an seinem Sterbebett. Angeblich hat er gesagt: "Ach, gut, liebe Sophie, dass Sie da sind! Sie müssen heute Nacht dableiben!" Es war seine letzte.

Quelle: RP
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