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Kolumne: Eine Frage des Stils
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Düsseldorf . Menschen im Gespräch ins Wort zu fallen, liegt im Trend. Dabei zeugt das Verbalreingrätschen von Selbstverliebtheit und schlechter Erziehung - wenigstens meistens. Von Barbara Grofe

Das Phänomen ist wöchentlich im Fernsehen zu beobachten: Menschen, die in Talkshows sitzen - Politiker, Soziologen, Medienmenschen, ganz normale Menschen - und sich grundsätzlich ins Wort fallen. Auf dem Papier geht es um ein wichtiges Thema, in Wahrheit darum, lauter, schriller, öfter am Mikro zu sein als die anderen. Das Phänomen "ins Wort fallen" gibt es aber auch in anderen, in normaleren Zusammenhängen: in Konferenzen und Freundeskreisen und auf Familienfeiern. Ein Unding. Wenigstens in den allermeisten Fällen.

Zugegeben: Es ist verlockend. Schließlich ist nicht jeder Wortbeitrag in einer Konferenz oder am Kaffeetisch sinnvoll. Manche verkommen zu endlosen Monologen. Noch schlimmer ist, wenn das Gesagte so haarsträubend dämlich und frech ist, dass man es körperlich kaum aushält zuzuhören. Wie erlösend wäre es jetzt, den anderen zu unterbrechen. Lauter zu werden, die eigene Meinung rauszubölken und auf diese Weise "Stopp" zu rufen.

Die schlechte Nachricht ist allerdings: Langatmigkeit oder x-fache Wiederholungen nerven zwar, reichen aber leider nicht als Argument fürs Unterbrechen. In dem Fall sollte man in der Situation durchhalten und kann - wenn es die Beziehung zulässt - womöglich im Anschluss vorsichtig darauf hinweisen.

Wer in sachlichen, nur vielleicht etwas langatmig geratenen Gesprächen immer sofort reingrätscht, macht Gesprächskultur kaputt. So funktioniert Umgang nicht. Da muss jeder das Recht haben, sich mal in seinen Gedanken zu verlieren, Schräges oder Absurdes zu sagen. Denn auch daraus kann ein bereicherndes Gespräch entstehen. Unterbricht man den anderen wegen Redundanz und Co. bei der erstbesten Gelegenheit, nimmt man sich selbst die Chance, auch mal ganz neue Dinge, Gedanken, zu hören. Das Dumme ist natürlich: Diese Spielregeln sind den Selbstverliebten, schlecht Erzogenen, Besserwisserischen egal. Sie unterbrechen standardmäßig, weil - in ihrer Wahrnehmung - ihr Wortbeitrag per se bedeutsam ist.

Es gibt aber einige wenige Situationen, in denen das Verbalreingrätschen ein Muss ist: Wenn das Gegenüber im Gespräch beleidigend wird, wenn es hetzt, jemanden verleumdet, wenn das, was der Andere sagt, nicht mehr komisch, sondern diskriminierend ist, muss man handeln. Gerade machen, Haltung zeigen, den Dummkopf korrigieren - und den Sprechenden eisenhart unterbrechen.

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