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Interview mit Star-Geiger
Ihr Lieblingsvogel, Herr Garrett?

Essen. Am 1. Dezember spielt David Garrett in der Lanxess Arena in Köln. Unser Autor traf ihn im vergangenen Jahr: Damals füllte der 36 Jahre alte Weltstar mit der Geige für uns den Fragebogen aus, der durch Marcel Proust berühmt wurde. Von Philipp Holstein

Den ursprünglichen Text zeigen wir hier anlässlich des Garrett-Konzerts in Köln noch einmal. 

David Garrett wirkt leicht angespannt - kein Wunder so knapp vor einem Auftritt. In anderthalb Stunden wird er in der Philharmonie Essen sein Brahms-Programm spielen. Eben noch war ein Arzt da: Garrett fühlt sich verschnupft, und bei einer langen Tournee kann eine Erkältung besonders unangenehm werden. Zwei Betreuer sitzen nun bei ihm in der Künstlergarderobe. Garrett trägt Sakko und T-Shirt und an den Füßen Stiefel, deren Laschen weit heraushängen. Als der 34-Jährige "Physio" ruft, nimmt rasch eine Dame mit erhitztem Gesicht neben ihm Platz. Sie massiert während des Gesprächs seine linke Hand.

Garrett, das ist die Idee, soll jenen Fragebogen ausfüllen, der Ende des 19. Jahrhunderts zum Amüsement in den Salons verteilt wurde. Fragen zu Vorlieben und Meinungen. Fragen zum Kennenlernen und Einblicknehmen. Der Proust-Fragebogen. Ein gesellschaftlicher Stimmungsindex sozusagen. Benannt wurde die Liste nach Marcel Proust, allerdings nicht, weil der Autor der "Suche nach der verlorenen Zeit" ihn erfunden hätte. Er gehörte einfach zu den prominentesten Antwortgebern. Auf die Frage, was für ihn das größte Unglück sei, sagte er etwa: "Von Mama getrennt sein."

Garrett macht mit, erst zögerlich, dann gewinnt er Spaß an der Sache. Er diktiert die Antworten, schreibt nicht selbst, denn er wird ja massiert. Am Ringfinger seiner rechten Hand prangt ein silberner Totenkopf. Beim Nachdenken blickt er in der Garderobe umher. Man sieht auf seinen Zopf, auf das Haar mit den drei Brauntönen. Unwillkürlich wandern einem Gedanken wie dieser durch den Kopf: Welche Spülung der wohl benutzt?

Wo möchten Sie leben?
"Wo immer man mich braucht."
 
Was ist für Sie das vollkommene irdische Glück?
"Schlafen."
 
Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?
"Diejenigen, die man zugibt."
 
Ihre liebsten Romanhelden?
"Harry Potter."
 
Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?
"Meine Mama."
 
Ihre Lieblingsheldinnen/-helden in der Wirklichkeit?
"Mein Bruder."
 
Ihr Lieblingsmaler?
"Die Impressionisten. Und Klimt."
 
Ihr Lieblingsautor?
"Oscar Wilde."
 
Ihr Lieblingskomponist?
"Bach."
 
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einer Frau am meisten?
"Über schlimme Dinge lachen zu können."
 
Welche Eigenschaften schätzen sie bei einem Mann am meisten?
"Disziplin."
 
Ihre Lieblingstugend?
"Nicht aufgeben."
 
Ihre Lieblingsbeschäftigung?
"Daran arbeiten, nicht aufzugeben."

Wer oder was hätten Sie gern sein mögen?
"Ich wollte nie jemand anderes sein."
 
Ihr Hauptcharakterzug?
"Ergebnisorientiertheit."

 Ihr größter Fehler?
"Es sind zu viele, als dass ich sie aufzählen könnte."
 
Ihr Traum vom Glück?
"So viel Glück wie möglich."
 
Was wäre für Sie das größte Unglück?
"Einen meiner Sinne zu verlieren."
 
Was möchten Sie sein?
"So wie ich bin, ist es in Ordnung. Sonst wäre ich ja jemand anderes."
 
Ihre Lieblingsfarbe?
"Blau."
 
Ihre Lieblingsblume?
"Orchidee."
 
Ihr Lieblingsvogel?
"Kanarienvogel."
 
Was verabscheuen Sie am meisten?
"Maßlosigkeit."
 
Welche geschichtlichen Gestalten verabscheuen Sie am meisten?
"Solche, die ihren Willen  anderen aufdrängen."
 
Welche Reform bewundern Sie am meisten?
"Gleichberechtigung."
 
Welche Gabe möchten Sie besitzen?
"Mich von A nach B beamen zu können."
 
Wie möchten Sie gern sterben?
"Kurz und schmerzlos."
 
Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?
"Gesammelt. Wie immer, wenn ich auf Tournee bin."

Ihr Motto?
"Mit den Füßen auf dem Boden bleiben."

Daran, dass er sicher stark unter Druck steht, denkt man auch. So viele Zuschreibungen und Etiketten: früher Wunderkind, heute Klassik-Popper. Kritiker mokieren sich über seine Konzerte, in denen er Miley Cyrus mit Mozart mixt. Die Leute kommen dennoch in Scharen.

Als man den Raum vor der vereinbarten Zeit verlässt, bedankt er sich euphorisch. Nun könne er sich doch noch ein paar Minuten sammeln. Man sieht auf den Fragebogen. Auf die Frage, wer er gern sein würde, antwortete Garrett: "Ich wollte nie jemand anderes sein."

Am Freitag, 1. Dezember, gastiert David Garrett in der Lanxess Arena in Köln.

Quelle: RP
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