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Krieg im Fernen Osten ist möglich

Ein renommierter belgischer Politikwissenschaftler wirft ernste Fragen zum Aufstieg Chinas auf. Von Peter Seidel

Der Untertitel von "Frieden auf Chinesisch" ist dramatisch: "Warum in Asien Krieg droht". Der Autor, der Belgier Jonathan Holslag, hat dabei allerdings selbst Zweifel, auch wenn er "weniger reißerische Alternativen" dann doch verworfen hat. Und, geben wir es ruhig zu, so mancher hätte das Buch vielleicht nicht gekauft, wäre der Titel weniger alarmistisch. Doch auch seine Folgerung, ein Krieg in Asien sei wahrscheinlich, aber nicht unausweichlich, sollte in Europa Interesse wecken.

Der Brüsseler Professor für internationale Politik ist in Deutschland bisher eher unbekannt. Er berichtet regelmäßig für internationale Medien über das Geschehen in Fernost, gerade auch in Wirtschaftsfragen, und berät die königlich-belgische Militärakademie. Im Mittelpunkt steht bei ihm das, was er "Asiens China-Dilemma" nennt, also dass Chinas strategische Ziele mit denen seiner Nachbarn und der USA als pazifischer Macht "nicht zu vereinbaren sind". Das ist grundsätzlich auch schon mit der Position des Deutschen Kaiserreiches Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa verglichen worden. Nur ist das kommende China im Unterschied zu Deutschland eben nicht für die Hegemonie zu schwach und für das Gleichgewicht zu stark.

Problematisch könnte allerdings für China die sogenannte Mittelstandsfalle werden, für die es seit einiger Zeit ernste Anzeichen gibt: Gemeint ist damit, in den Worten Holslags, dass "Chinas Aufstieg einen kritischen Punkt überschreiten (wird), von dem aus weiteres Wachstum mit friedlichen Mitteln nicht mehr möglich ist". Dies bedeutet, dass es ein erfolgreiches Schwellenland ist, aber auch bleiben könnte, wenn es ihm nicht gelingt, in die Spitzengruppe der am höchsten entwickelten Industrieländer aufzusteigen. Für das schon heute mächtigste Schwellenland hätte dies die gravierendsten Auswirkungen aller Schwellenländer.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, von denen das erste sich grundsätzlich mit Asiens China-Dilemma beschäftigt, während die folgenden vier sich mit der Entwicklung Chinas seit der Gründung der Volksrepublik befassen. Von der aktuellen Situation handeln dann die letzten vier Kapitel, von der wirtschaftlichen Entwicklung, dem "Wettstreit um den Pazifik" sowie "einer weiteren Großmachttragödie", "wie sie den Aufstieg von Großmächten begleitet haben".

So wie der Autor nicht immer stringent zwischen Einfluss und Macht unterscheidet, so erschließt sich dem Leser die zentrale These von der Kriegsgefahr nicht konkret. Richtig ist aber nach heutiger Sicht, dass es in Asien wieder zu kriegerischen Handlungen wie Grenzscharmützeln oder Inselstreitigkeiten kommen dürfte, wie dies auch schon in den vergangenen 60 Jahren der Fall war, als China noch nicht so bedeutend war wie heute. Allerdings wächst in ganz Asien der Nationalismus, nicht nur in China. Dies auszubalancieren dürfte nicht einfach werden.

Für die in Deutschland erscheinende Ausgabe wurden die im Buch veröffentlichten vier Landkarten lieblos auf zwei Seiten zusammengedrängt. Das ist nicht nur angesichts des dargestellten großen Raums unpassend. Auch die Erläuterungen der Karten hätten ausführlicher ausfallen sollen. So wird die "Zweite Inselkette", die China zu seinem weiteren Vorfeld rechnet und die weit in den Pazifik hineinreicht, so gut wie gar nicht erläutert. Dies gilt auch für die Karte, die Chinas Interessen im rohstoffreichen Zentralasien behandelt.

Holslags Chinabuch enthält viele interessante, aktuelle Informationen, doch gemessen an seiner Hauptthese fehlt es doch an geostrategischer Tiefe. Da ist es gut, dass im November ein Buch neu erschienen ist, das davon mehr als genug hat: Zbigniew Brzezinskis "Die einzige Weltmacht", dessen Chinakapitel nach wie vor sehr lesenswert sind, was durch zahlreiche Karten gut veranschaulicht wird. Zusammen ergeben beide Bücher einen dramatischen Blick auf den unaufhaltsamen Aufstieg Chinas in Asien - unabhängig davon, wie hoch man die Kriegsgefahr dort auch einschätzen mag.

Quelle: RP
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