Pathologin sichtet Kandidaten: Künstler will Sterbenden ausstellen
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 20.04.2008 - 16:51Mönchengladbach (RP). Gregor Schneider (39) entwickelt sich zum Agent provocateur der Bildenden Kunst, und wer je durch das verrufene Haus „ur“ in Rheydt geklettert ist, einen teuflischen Irrgarten in den Mauern eines Reihenhauses, der konnte ahnen, dass der Künstler irgendwann noch ganz andere Ideen entwickeln würde. Seine Kaaba für den Markusplatz in Venedig war solch ein Akt der Versuchung - der Kubus landete dann, ohne Anschläge von Islamisten, in Hamburg.
Jetzt will Schneider einen Sterbenden ausstellen, bis er zur schönen (oder gruseligen) Leiche geworden ist. Im Krefelder Haus Lange soll der Vorgang stattfinden, hat Schneider der renommierten Londoner Zeitschrift „Art Newspaper“ verraten. Behilflich wolle ihm die Düsseldorfer Pathologin Roswitha Franziska Vandieken sein, sie sichte die Sterbewilligen und teste ihre Befähigung, öffentlich zu sterben.
Hierbei handelt es sich womöglich, zumal laut „Spiegel online“ kein Beteiligter für eine Rückfrage zu erreichen war, um einen Akt der Durchgeknalltheit, der genau in dem Moment revidiert wird, da er ruchbar wurde. Also: Kann alles ein diabolischer Scherz eines Künstlers gewesen sein, der die öffentliche Aufregung auskosten will - gleichsam als Kunstdebatte von eigener Schönheit.
Sollte Schneider aber tatsächlich einen Sterbewilligen finden, der ihm bei der makabren Kunstpflege behilflich ist und sich öffentlich auf die Bahre legen möchte, dann fiele abermals ein Tabu - das des Rechts der Menschheit auf den privaten Tod jedes Einzelnen.
Der Künstler würde mit einer Ausstellung gleichsam zum tatenlosen Henker, der das Beil nicht hebt, sondern in Klarlack taucht und sich am Abgang des Delinquenten weidet. Ecce homo - seht, ein Unikat! Es wäre ein öffentliches Sterben wie auf Golgatha oder unter der Guillotine, also ein Rückschritt ins Archaische, in dem Massenzauber und Massenhysterie wieder lebendig werden.
Aber dazu wird es nicht kommen. Wer sollte sich wohl opfern? Welcher Museumschef sollte sein Einverständnis geben? Und wer möchte dem Tod bei der Arbeit zusehen?
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