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Interview mit Gerhart Baum
"Kultur ist nichts für große Mehrheiten"

Gerhart Baum, Vorsitzender des Kulturrats NRW, möchte jungen Leuten die Hochkultur näherbringen. Das sei unverzichtbar für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft.

Der Kulturrat NRW tritt seit 20 Jahren für die Interessen von Kulturschaffenden im Land ein. Zum Jubiläum veranstaltet der Rat am 9. Dezember, 18 Uhr, eine Podiumsdiskussion im Filmforum NRW im Kölner Museum Ludwig. Dabei soll es um den "Generationswechsel in der Kultur" gehen. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Kulturrats NRW, Gerhart Baum (84), über den Stellenwert von Kultur.

Sie haben zum Jubiläum eine Befragung unter jungen Menschen über deren Zugang zur Kultur in Auftrag gegeben. Sorgen Sie sich um den Zuschauernachwuchs im Land?
Gerhart Baum Wir wollten erkunden, wie die so intensiv diskutierte "Kulturelle Bildung" in unserem Lande tatsächlich wirkt. Bringen wir es fertig, junge Menschen über gewisse Hemmschwellen hinweg für Kultur zu interessieren? Kennen diese das reiche Angebot in NRW? Wir sind eine der bedeutendsten Kulturregionen in der Welt, aber wir müssen uns fragen, ob junge Menschen das nutzen.

Der Altersschnitt beim Publikum steigt eher.
Baum Die Neugier der Menschen, nicht nur der Jungen, muss geweckt werden. Das ist auch eine Bringschuld der Kultureinrichtungen und der Medien, die junge Menschen nutzen, also auch des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und des Internets. Jugendkanäle muten jungen Menschen anspruchsvolle Kultur leider zu wenig zu. Dazu kommt, dass zum Beispiel Musikunterricht in den Schulen immer weniger stattfindet.

Was hat Ihre Befragung ergeben?
Baum Noch sind wir in der Auswertung, aber man kann schon feststellen, dass junge Leute zu dem, was wir Hochkultur nennen, nur schwer Zugang finden. Aber das liegt eben vor allem daran, dass sie viele Angebote gar nicht kennen.

Sie halten das also für ein Vermittlungsproblem und nicht für eine Frage des kulturellen Angebots?
Baum Die Vermittlung spielt eine große Rolle. Sie muss zielgerichteter erfolgen. Die Kultur darf ihren hohen Anspruch, also ihre künstlerische Qualität aber nicht aufgeben. Anbiedernde Anpassung wäre falsch.

Gerade kulturelle Einrichtungen, die ihren Anspruch nicht aufgeben wollen, sehen sich aber dem Vorwurf ausgesetzt, sie seien "elitäre" Institute, von denen nur wenige Bürger profitierten. Das Düsseldorfer Schauspielhaus erlebt diesen Rechtfertigungsdruck gerade.
Baum Das Verhalten der Stadtspitze in Düsseldorf zeugt von Banausentum. Ich habe den Kölnern immer gesagt: "Kultur ist die Seele der Stadt." Für Düsseldorf gehört das Schauspielhaus unverzichtbar zu den kulturellen Kernaufgaben – und an diesem Standort –, auch die Zukunft des Museums Kunstpalast und des in Deutschland einmaligen Theatermuseums am Standort Jägerhof.

Das Argument gegen diese Einrichtungen ist aber doch gerade, dass sie von den meisten Bürgern nicht genutzt werden.
Baum Kunst ist in der Regel nicht Sache großer Mehrheiten. Sie ist oft unbequem, mühevoll, neu, sie öffnet gerade in Zeiten der Unsicherheit ungewohnte Blicke in die Zukunft. Kultur ist nicht nur eine Sache der Ergötzung, sondern auch der geistigen Herausforderung. Darum ist es völlig unsinnig, kulturellen Einrichtungen vorzuwerfen, sie seien elitär. Der Kulturstandort Deutschland lebt davon, dass die Kultur einerseits frei von Zensur ist, und dass andererseits dasjenige staatlich gefördert wird, das kulturell anspruchsvoll ist und nur eine Minderheit erreicht. Das ist die Definition des Kulturstaatsgebots durch das Bundesverfassungsgericht.

Bürger, die gegen Kulturkürzungen auf die Barrikaden gehen, hören aber von Politikern, dass man jeden Euro nur einmal ausgeben kann.
Baum Mit dem neuen Kulturfördergesetz in NRW soll erreicht werden, dass der unverzichtbare Stellenwert der Kultur für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft gestärkt wird. Wir haben gerade mit der NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft ein durchaus zielführendes offenes Gespräch geführt. Gespräche mit den anderen Parteivorsitzenden vor der Landtagswahl werden folgen. Wir streben an, dass das Land neben den Kommunen, die zu etwa 80 Prozent die Kultur im Lande fördern, sich auch finanziell stärker engagiert. 27 Cent von 100 Euro Landeshaushalt, das ist zu wenig! Immerhin gibt es jetzt für 2017 zusätzliche 14 Millionen Euro für eine Reihe von Vorhaben, dank der Initiative des Landtages . Zum ersten Mal kommt der Kulturetat über 200 Millionen. NRW ist ein in Europa einmaliges Kulturland, mit vielen aktiven Künstlern, vielen Theatern, Orchestern, Museen, und auch mit vielen Menschen, die sich für Kultur interessieren. Darüber müssen wir uns stärker definieren. Das ist eine Chance. Wir müssen Kultur noch viel deutlicher als Teil der Landesidentität verstehen.

Das fordern Sie schon lange, aber das Engagement für Kultur verschafft Politikern keine Mehrheiten.
Baum Aber Ansehen – und viele Menschen halten Kultur für wichtig, auch wenn sie in ihrem eigenen Leben keine Rolle spielt. Und wenn Politik keine sinnvollen Minderheitspositionen vertritt, dann gibt sie sich auf.

Das Gespräch führte Dorothee Krings.

Quelle: RP
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