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Kulturland NRW

70 Jahre Nordrhein-Westfalen bedeuten auch eine 70-jährige Blüte der Künste. Nach der braunen Diktatur zog die Moderne mit Verspätung ein - dann aber so mächtig, dass sie Werke von Weltrang hervorbrachte. Und Künstler, die Geschichte schrieben. Von Bertram Müller

Der Hunger nach neuen Bildern, neuen Klängen, nach einer neuen Kultur aus dem Geist der Freiheit war groß, als sich das "Dritte Reich" endlich erledigt hatte. Doch wie in anderen der gerade erst gegründeten Bundesländer galt es auch in Nordrhein-Westfalen erst einmal, den Schutt wegzuschaffen, aufzubauen und physisch zu überleben. Zugleich war eine lange, kulturlose Zeit zu Ende gegangen. Die Menschen gierten nach den Künsten. Da war es manchen nicht so wichtig, dass sie erst einmal weiter denen zujubelten, die sie schon aus brauner Zeit kannten. Die aus Düsseldorf stammende Pianistin Elly Ney, die sich Hitler angebiedert hatte, ließ sich nach dem Krieg weiter als Beethoven-Interpretin feiern, als wäre nichts geschehen. Und Arno Breker, Hitlers Hofbildhauer, setzte seine Arbeit fort, indem er von Düsseldorf aus die Großindustrie mit Skulpturen versorgte und prominente Zeitgenossen auftragsgemäß porträtierte, Konrad Adenauer ebenso wie den Kunstsammler Peter Ludwig. Es brauchte Zeit, bis die Menschen im heutigen Nordrhein-Westfalen die verschüttete Moderne für sich entdeckten und Interesse daran fanden, dass sie sich weiter entwickle. Wer die Zeit vor dem "Dritten Reich" schon bewusst erlebt hatte, erinnerte sich zum Beispiel an Paul Klee, den großen Schweizer Maler, den die Nationalsozialisten nach nur zwei Jahren als Professor an der Düsseldorfer Akademie entlassen hatten mit der Begründung, seine Kunst sei "entartet". Wie ihm war es auch anderen ergangen, deren freie Arbeit das Regime nicht mehr duldete.

In der noch jungen Demokratie gelangten sie dann allmählich wieder zu Ehren. Gleichzeitig trat während der 50er und 60er Jahre in unterschiedlichen Sparten eine neue Generation von Künstlern hervor. Es waren nicht unbedingt Menschen, die aus dem Rheinland oder Westfalen stammten, sondern zu einem bedeutenden Teil auch Zugezogene, die in der DDR aus der einen in die nächste Diktatur geraten waren und nun endlich ihre Ruhe haben wollten.

Warum kamen sie nach Nordrhein-Westfalen, ins Rheinland vorzugsweise? Der Maler Gerhard Richter zum Beispiel, der an der Düsseldorfer Akademie erst sein "drüben" begonnenes Studium fortsetzte und dann Professor wurde, war dem Ruf eines Bekannten gefolgt, der bereits in Düsseldorf lebte. Andere wie Günther Uecker oder später A. R. Penck werden dem Ruf vertraut haben, der dem Rheinland generell vorauseilt: Du magst die Menschen zunächst als oberflächlich empfinden, aber du wirst rasch Freund mit ihnen, und sie leben die Devise: Jeder Jeck ist anders.

Noch etwas wird den Zuzug beflügelt haben: Anders als das geschichtsvernarrte, barocke Bayern belasten das Rheinland, Westfalen und das Lipperland ihre Bewohner nicht übermäßig mit Traditionen. Zudem ist das Rheinland seit je Durchgangsstation nach Holland, Belgien und mittelbar nach Paris. Eine gute Basis für Kunstströmungen, die sich auch international bemerkbar machen wollen und umgekehrt vom Ausland Impulse erhoffen. Berlin dagegen war während des Kalten Krieges isoliert, dauerbezuschusst und dadurch auch etwas träge geworden.

So wurde das Rheinland zum Ort eines kulturellen Neubeginns. Die Gruppe der Zero-Künstler - Uecker, Heinz Mack und Otto Piene - machte von sich reden. Heute strahlt ihr Ruhm wie derjenige von Gerhard Richter, Joseph Beuys, dem Fotografen-Paar Bernd und Hilla Becher oder dessen Schülern Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth weit in die Welt.

Mit dem Erblühen der Kunst ging die Gründung von Museen einher. Duisburg leistete sich ein Museum zu Ehren seines großen Meidericher Sohnes und Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, Leverkusen richtete in seinem Schloss Morsbroich ein Museum zur Kunst der unmittelbaren Gegenwart ein, Mönchengladbach überraschte die Welt mit der postmodernen Architektur seines Museums Abteiberg, das Land Nordrhein-Westfalen gründete eine Kunstsammlung, die auf einer Kollektion von Werken Paul Klees aufbaute. Und Köln bekam sein "Museum Ludwig".

Das Rheinland war nicht die einzige Region, in der der kulturelle Aufstieg des Landes NRW seinen Anfang nahm. Schon unmittelbar nach dem Krieg hatte es auch im Ruhrgebiet, dieser herzerfrischend direkten Mischung aus rheinischer Lebensfreude und westfälischer Dickköpfigkeit, einen Neubeginn gegeben: mit der Gründung der Ruhrfestspiele im Jahr 1947. Die Geschichte ist bekannt, aber zugleich so schön, dass sie hier noch einmal erzählt wird: Während des kalten Winters 1946/47 standen die Hamburger Theater vor der Schließung, weil ihnen die Kohlen für Heizung und Nutzung der Bühnentechnik fehlten. Der Direktor und der Betriebsratsvorsitzende fuhren daraufhin mit zwei Lkw ins Ruhrgebiet. In Recklinghausen schaufelten Bergarbeiter den Theaterleuten die Ladeflächen voll - illegal, aber fortan immer wieder. Zum Dank gastierten 150 Schauspieler der drei Hamburger Staatsbühnen unter dem Motto "Kunst gegen Kohle" im Städtischen Saalbau mit "Figaros Hochzeit".

Die Ruhrfestspiele waren geboren, die Mutter der Festspiele in ganz Nordrhein-Westfalen, von den Duisburger Akzenten über die Mülheimer Theatertage "stücke", die Ruhrtriennale und das Klavierfestival Ruhr bis zur Lit.Cologne. Das Ruhrgebiet zeigte allmählich nicht mehr nur Stolz auf seine industrielle Vergangenheit, wie sie sich in zahlreichen Industriemuseen spiegelt, sondern auch auf seinen Willen, sich den Forderungen der neuen Zeit zu stellen. Nicht nur im Ruhrgebiet eroberten sich dann auch die darstellenden Künste ihre im Krieg zerstörten Stätten zurück und gewannen neue hinzu. Architektonisch machten vor allem das Düsseldorfer Schauspielhaus, das zunächst unter der Leitung des entnazifizierten Gustaf Gründgens gestanden hatte, und das Aalto-Theater in Essen von sich reden. Künstlerisch ragten das Schauspielhaus Bochum und die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf und Duisburg weit heraus. Mehr als zwei Jahrzehnte lang führte Rheinoper-Intendant Grischa Barfuss sein Publikum an das Repertoire der Moderne heran. In Bochum vermehrte Intendant Hans Schalla den Ruhm der Shakespeare-Bühne. Peter Zadek rief dann bundesweit bewunderte Skandale hervor mit Stücken von Rainer Werner Fassbinder oder Rosa von Praunheim. Anschließend setzte Claus Peymann ebenfalls auf Zeitgenössisches - mit Stücken unter anderem von Thomas Bernhard und Heiner Müller sowie den bejubelten Schauspielern Gert Voss, Kirsten Dene und Traugott Buhre. Damals, in den 70er Jahren, galt Bochum als innovativstes Theater der Republik.

Innovativ war das Ruhrgebiet auch insofern, als mancher Kulturschaffender, der dort begonnen hatte, andernorts den Gipfel seiner Karriere erklomm. Hilmar Hoffmann hatte 1954 die Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen gegründet und löste dann als Kulturstadtrat in Frankfurt das dortige Museumswunder aus, mit zahlreichen Neubauten vor allem entlang des Main-Ufers.

Weltweit machte Nordrhein-Westfalen durch neue künstlerische Strömungen von sich reden. Die gebürtige Solingerin Pina Bausch formte in Wuppertal einen neuen Begriff des Tanztheaters. Die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk revolutionierte die Pop-Musik durch die Verwendung ausschließlich elektronischer Mittel. Und der Westdeutsche Rundfunk in Köln wurde zum Kristallisationspunkt einer Avantgarde, in der sich Kunst und Musik kreuzten. Bereits 1951 hatte Igor Strawinsky im Großen Sendesaal die Uraufführung seiner Bläsersinfonie dirigiert - Auftakt der Konzertserie "Musik der Zeit".

Köln war auch die Wirkungsstätte Heinrich Bölls, des Schriftstellers, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum Gesicht eines anderen, besseren Deutschlands wurde.

Wie das Land die Bedeutung seiner Künstler selbst einschätzte, geht aus der Liste hervor, die die Träger seines von 1986 an vergebenen Staatspreises umfasst. Kay Lorentz vom Düsseldorfer "Kom(m)ödchen" steht darauf, Hanns Dieter Hüsch, der Mülheimer Intendant Roberto Ciulli, aber auch eine Reihe von Persönlichkeiten, die dem Land verbunden waren. Lew Kopelew zum Beispiel, der russische Germanist, der den Deutschen nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs die Hand reichte und dem Böll in Köln Zuflucht gewährte, nachdem Kopelew als Dissident überraschend ausgebürgert worden war.

Nordrhein-Westfalen hat viele Gesichter. Die Künstler sind nicht die schlechtesten seiner Botschafter.

Quelle: RP
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